STARKLITERARIA 

                                                                        By Marilynn Stark          

 

   

 

 

 

 

 

                                   

                                                                                                
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                                                                                            Photo and art design by Marilynn Stark © 2007 All Rights Reserved

METAMORPHOSE DER PFLANZEN

THE METAMORPHOSIS OF PLANTS

[Der Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu Erklären]  

[The Attempt to Explain the Metamorphosis of the Plants]

Von Goethe  

By Goethe    

 

This has been translated serially by Marilynn Stark under her copyright.  © 2004-2005  

 First entry: September 3, 2004; translation completed on April 28, 2005.  All rights reserved. 

       

Kapitelübersicht

Summary of Sections 

(See individual headings for translations of their meanings)

   Einleitung
   I. Von den Samenblättern
   II. Ausbildung der Stengelblätter von Knoten zu Knoten
   III. Übergang zum Blütenstande
   IV. Bildung des Kelches
   V. Bildung der Krone
   VI. Bildung der Staubwerkzeuge
   VII. Nektarien
   VIII. Noch einiges von den Staubwerkzeugen
   IX. Bildung des Griffels
   X. Von den Früchten
   XI. Von den unmittelbaren Hüllen des Samens
   XII. Rückblick und Übergang
   XII. Von den Augen und ihrer Entwicklung
   XIV. Bildung der Zusammengesetzten Blüten und Fruchtstände
   XV. Durchgewachsene Rose
   XVI. Durchgewachsene Nelke
   XVII. Linnés Theorie von der Antizipation
   XVIII. Wiederholung

Index of Pictures and Drawings

Einleitung

Introduction      

1. Ein jeder, der das Wachstum der Pflanzen nur einigermaßen beobachtet, wird leicht bemerken, daß gewisse äußere Teile derselben sich manchmal verwandeln und in die Gestalt der nächstliegenden Teile bald ganz, bald mehr oder weniger übergehen.

1. Each one who so observes  only somewhat the growth of plants will easily perceive that certain outer components sometimes turn into the same thing and soon completely into the likeness of the most contiguous component soon more or less to merge.

2. So verändert sich, zum Beispiel, meistens die einfache Blume dann in eine gefüllte, wenn sich, anstatt der Staubfäden und Staubbeutel, Blumenblätter entwickeln, die entweder an Gestalt und Farbe vollkommen den übrigen Blättern der Krone gleich sind, oder noch sichtbare Zeichen ihres Ursprungs an sich tragen.

 2. In the majority of cases the elementary flower is then itself so modified, for example, into full bloom when petals develop in the place of the stamen (thread) and anther; these are either in conformation and color completely even with the rest of the foliage of the crown or else bear observable characters of their source intrinsically.

3. Wenn wir nun bemerken, daß es auf diese Weise der Pflanze möglich ist einen Schritt rückwärts zu tun und die Ordnung des Wachstums umzukehren, so werden wir auf den regelmäßigen Weg der Natur desto aufmerksamer gemacht, und wir lernen die Gesetze der Umwandlung kennen, nach welchen sie einen Teil durch den andern hervorbringt und die verschiedensten Gestalten durch Modifikation eines einzigen Organs darstellt.

3. When we now observe that it thus is likely for a plant to make a regressive move and to reverse the order of growth, we are made so much the better attentive unto the regular way of nature, and we get to know the law of conversion according to which it induces a particle through the others and displays the most different conformations of a sole part through modification.

4. Die geheime Verwandtschaft der verschiedenen äußern Pflanzenteile, als der Blätter, des Kelchs, der Krone, der Staubfäden, welche sich nacheinander und gleichsam auseinander entwickeln, ist von den Forschern im allgemeinen längst erkannt, ja auch besonders bearbeitet worden, und man hat die Wirkung, wodurch ein und dasselbe Organ sich uns mannigfaltig verändert sehen läßt, die Metamorphose der Pflanzen genannt.

4. The secret relationship of the different plant components has been in general long ago recognized by the scientist, indeed, has been also notably treated.  These components develop successively and seemingly apart and express as the leaves, the calyx, the crown and the stamen.  The effect whereby one and the same part can be seen to us as variously modified has been termed the metamorphosis of plants.   [Revised on October 20, 2007]

 5. Es zeigt sich uns diese Metamorphose auf dreierlei Art: regelmäßig, unregelmäßig und zufällig.

5. This metamorphosis appears to us in three kinds of forms: regular, irregular and random.   [Revised on October 22, 2007]

6. Die regelmäßige Metamorphose können wir auch die fortschreitende nennen: denn sie ist es, welche sich von den ersten Samenblättern bis zur letzten Ausbildung der Frucht immer stufenweise wirksam bemerken läßt, und durch Umwandlung einer Gestalt in die andere, gleichsam auf einer geistigen Leiter, zu jenem Gipfel der Natur, der Fortpflanzung durch zwei Geschlechter, hinauf steigt.  Diese ist es, welche ich mehrere Jahre aufmerksam beobachtet habe, und welche zu erklären ich gegenwärtigen Versuch unternehme. Wir werden auch deswegen bei der folgenden Demonstration die Pflanze nur insofern betrachten, als sie einjährig ist, und aus dem Samenkorne zur Befruchtung unaufhaltsam vorwärts schreitet.

6.  We can also call the metamorphosis progressive since it is that which can be observed from the first seed leaves up to the last training of fruit, always operative incrementally, and that through transmutation of a shape into the other one; as beseems on a mental ladder, it soars up to that one pinnacle of nature -- of reproduction through two sexes.  This is what I for several years have observed attentively, and to illuminate it I undertake the present experiment.  We will also for this reason in the following demonstration observe the plant only insofar as it is one year old and tread onward from the grain irresistibly to fertilization.    [Revised on October 22, 2007]

7. Die unregelmäßige Metamorphose könnten wir auch die rückschreitende nennen. Denn wie in jenem Fall die Natur vorwärts zu dem großen Zwecke hineilt, tritt sie hier um eine oder einige Stufen rückwärts. Wie sie dort mit unwiderstehlichem Trieb und kräftiger Anstrengung die Blumen bildet und zu den Werken der Liebe rüstet, so erschlafft sie hier gleichsam, und läßt unentschlossen ihr Geschöpf in einem unentschiedenen, weichen, unsern Augen oft gefälligen, aber innerlich unkräftigen und unwirksamen Zustande. Durch die Erfahrungen, welche wir an dieser Metamorphose zu machen Gelegenheit haben, werden wir dasjenige enthüllen können, was uns die regelmäßige verheimlicht, deutlich sehen, was wir dort nur schließen dürfen; und auf diese Weise steht es zu hoffen, daß wir unsere Absicht am sichersten erreichen.

7. We could also call the irregular metamorphosis regressive.  Since in yonder case nature ushers forward for great purpose, does she now recede here at one or a couple of stages.  As she there with an irresistible young shoot and forceful effort forms flowers and assembles for the works of love, so here she is as if flagged, and, often pleasing to our eyes, her indecisive creature allows the loss of ground for any indeterminate but inwardly uninvigorating and inefficient materialization.  Through the researches which we have the facility to make on this metamorphosis, we will be able to uncover whichever is concealed to us in the regular (form) to see manifestly what we only may infer there; and thus hope rises that we attain to the most certain proposition.    [Revised on October 23, 2007]

8. Dagegen werden wir von der dritten Metamorphose, welche zufällig, von außen, besonders durch Insekten gewirkt wird, unsere Aufmerksamkeit wegwenden, weil sie uns von dem einfachen Wege, welchem wir zu folgen haben, ableiten und unsern Zweck verrücken könnte. Vielleicht findet sich an einem andern Orte Gelegenheit, von diesen monströsen und doch in gewisse Grenzen eingeschränkten Auswüchsen zu sprechen

8. In contrast, we will be turning away our attentiveness from the third metamorphosis, such as at random, which we have to follow and infer and could displace our intended purpose -- notably, whatever will have been acted upon through insects from the ambient as it is for us in a simple way.  Perhaps an instance is to be found at another place, to speak of excrescences from these monstrous ones and still within constrained limits.     [Revised on November 2, 2007] 

9. Ich habe es gewagt, gegenwärtigen Versuch  ohne Beziehung Versuchauf erläuternde Kupfer auszuarbeiten, die jedoch in manchem Betracht nötig scheinen möchten. Ich behalte mir vor sie in der Folge nachzubringen, welches uni so bequemer geschehen kann, da noch Stoff genug übrig ist, gegenwärtige kleine, nur vorläufige Abhandlung zu erläutern und weiter auszuführen. Es wird alsdann nicht nötig sein, einen so gemessenen Schritt wie gegenwärtig zu halten. Ich werde manches Verwandte herbeiführen können, und mehrere Stellen, aus gleichgesinnten Schriftstellern gesammelt, werden an ihrem rechten Platze stehen. Besonders werde ich von allen Erinnerungen gleichzeitiger Meister, deren sich diese edle Wissenschaft zu rühmen hat, Gebrauch zu machen nicht verfehlen. Diesen übergebe und widme ich hiermit gegenwärtige Blätter.

9. I have currently ventured an experiment without correlation to draw up an elucidating test on copper that would like to seem necessary in some consideration, however.  I keep myself previous to it, only a current, small, preliminary disquisition to be exemplified and to be further performed, to yield according to the result, which of only one color can come about,  thus is more suitable because the remaining subject matter is yet adequate.  Thereupon, it will not be necessary to bear up one so measured a step such as presently.  I shall be able to bring about many relatives, and sundry sites will stand in their proper place, collected from authors of kindred spirit.  Especially will I not fail to make use of  all  simultaneous retrospections, the master of which has to boast of this noble science.  I hand these over and I dedicate herewith the present sheets.

I. Von den Samenblättern

I. From the Seed-Leaves

10. Da wir die Stufenfolge des Pflanzenwachstums zu beobachten uns vorgenommen haben, so richten wir unsere Aufmerksamkeit sogleich in dem Augenblicke auf die Pflanze, wo sie sich aus dem Samenkorn entwickelt. In dieser Epoche können wir die Teile, welche unmittelbar zu ihr gehören, leicht und genau erkennen. Sie läßt ihre Hüllen mehr oder weniger in der Erde zurück, welche wir auch gegenwärtig nicht untersuchen, und bringt in vielen Fällen, wenn die Wurzel sich in den Boden befestigt hat, die ersten Organe ihres oberen Wachstums, welche schon unter der Samendecke verborgen gegenwärtig gewesen, an das Licht hervor.  

10. Since we have resolved to observe for ourselves the hierarchy of a developing plant, so we rivet ourselves upon the plant on the spot at the moment, where it develops from the grain.  In this age we can easily zero in on the parts and which rank directly among it.  It leaves its hulls more or less behind in the earth, which we also presently are not researching, and it brings forth in the light in many cases, whensoever the root has fixed itself in the soil, the first parts of its upper growth, which inherently have been at this stage latent under the seed covers.  

11. Es sind diese ersten Organe unter dem Namen Kotyledonen bekannt; man hat sie auch Samenklappen, Kernstücke, Samenlappen, Samenblätter genannt und so die verschiedenen Gestalten, in denen wir sie gewahr werden, zu bezeichnen gesucht.

11. These first parts are known under the name of cotyledons;   they have been  called seed-flaps, nubs, seed-lobes, seed-leaves, and so the different conformations in which we become aware of them, have been sought to be named. 

12. Sie erscheinen oft unförmlich, mit einer rohen Materie gleichsam ausgestopft, und ebensosehr in die Dicke als in die Breite ausgedehnt; ihre Gefäße sind unkenntlich und von der Masse des Ganzen kaum zu unterscheiden; sie haben fast nichts Ähnliches von einem Blatte, und wir können verleitet werden sie für besondere Organe anzusehen.

12. They seem often informal,* as if stuffed with a rough matter, and just as broad in the thickness as in the breadth; their vessels are beyond recognition and can scarcely be differentiated from the bulk of the whole; they will have induced almost nothing nearby from a leaf, and we can give account of them for particular parts.

*The use of the word 'informal' here may seem obscure, yet, the choice in translating unförmlich into its strict definition, 'informal,' remains.  From English one can better understand the intended meaning of 'informal' by reverting to its opposite word, 'formal.'  The definition of 'formal' will give greater sense to the German word unförmlich in this dialectical way; 'formal' is defined as, "Relating to or involving outward form or structure," so that its opposite meaning would constitute an indication of interest in the inner features of structure and the results of their functions on growth and development in the cotyledons.  (This definition is according to The American Heritage® Dictionary of the English Language, Fourth Edition.
Copyright © 2000 by Houghton Mifflin Company.  This reference is available at the Yahoo references which accompany the Yahoo Companion toolbar.)

13. Doch nähern sie sich bei vielen Pflanzen der Blattgestalt; sie werden flacher, sie nehmen, dem Licht und der Luft ausgesetzt, die grüne Farbe in einem höhern Grade an, die in ihnen enthaltenen Gefäße werden kenntlicher, den Blattrippen ähnlicher.

13. Still they advance with many plants of leaf-shape;  they grow more even, they assume, exposed in the light and in the air, the green color in a superior degree, the covered hollow-wares in them grow more recognizable; similarly, the leaf veins.

(Sept. 20, 2004)

14. Endlich erscheinen sie uns als wirkliche Blätter, ihre Gefäße sind der feinsten Ausbildung fähig, ihre Ähnlichkeit mit den folgenden Blättern erlaubt uns nicht, sie für besondere Organe zu halten, wir erkennen sie vielmehr für die ersten Blätter des Stengels.

14. Ultimately, they appear to us as actual leaves, their vessels are capable of the finest development, their similarity to successive leaves permits us not to account for specific parts; we identify them rather for the first leaves of the stems.

15. Läßt sich nun aber ein Blatt nicht ohne Knoten, und ein Knoten nicht ohne Auge denken, so dürfen wir folgern, daß[FrontPage Image Map Component] derjenige Punkt 'wo die Kotyledonen angeheftet sind, der wahre erste Knotenpunkt der Pflanze sei. Es wird dieses durch diejenigen Pflanzen bekräftigt, welche unmittelbar unter den Flügeln der Kotyledonen junge Augen hervortreiben, und aus diesen ersten Knoten vollkommene Zweige entwickeln, wie zum Beispiel Vicia Faba zu tun pflegt.

Click here for larger image of Vicia faba as at right.

Ref. http://www.museums.org.za/bio/plants/fabaceae/vicia_faba.htm 

Ref. http://caliban.mpiz-koeln.mpg.de/~stueber/thome/band3/tafel_132.html 

Please visit Kurt Stueber's Online Library through the above or at www.biolib.de for information on biology books, both current and historic.  

15. Now a leaf, however, cannot be imagined without knots, and a knot cannot be imagined without eyes, so we are permitted to infer, that that point wherefrom the cotyledons are attached, would be the first real node of the plant.  This becomes affirmed through those plants, that young eyes push forth immediately under the lobes of the cotyledons, and out of these first nodes the twigs completely develop, such as for example the Vicia Faba tends to do.

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(Sept. 22, 2004)    

16. Die Kotyledonen sind meist gedoppelt, und wir finden hierbei eine Bemerkung zu machen, welche uns in der Folge noch wichtiger scheinen wird. Es sind nämlich die Blätter dieses ersten Knotens oft auch dann gepaart, wenn die folgenden Blätter des Stengels wechselsweise stehen; es zeigt sich also hier eine Annäherung und Verbindung der Teile, welche die Natur in der Folge trennt und voneinander entfernt. Noch merkwürdiger ist es, wenn die Kotyledonen als viele Blättchen um eine Achse versammelt erscheinen, und der aus ihrer Mitte sich nach und nach entwickelnde Stengel die folgenden Blätter einzeln um sich herum hervorbringt, welcher Fall sehr genau an dem Wachstum der Pinusarten sich bemerken läßt. Hier bildet ein Kranz von Nadeln gleichsam einen Kelch, und wir werden in der Folge, bei ähnlichen Erscheinungen uns des gegenwärtigen Falles wieder zu erinnern haben.

16. The cotyledons are mostly doubled, and we find in this connnection to remark, what in succession will seem  to us yet more fundamental. Scilicet, the leaves of these first nodes are often also paired, when the succeeding leaves of the stem become alternating.  Therefore, a convergence arises here and a fusion of the parts, which nature in progression dissevers and abscises one from the other.  Still more remarkable it is, when the cotyledons as many leaflets seem assembled about an axis, and of which (axis) out of their center put forth singly the successive leaves around and about each other in and on developing stems, which case can be observed very closely upon the growth of the Pinus species.  Here an annulus forms from needles a quasi-calyx, and we will have to remember in the consecution during similar phenomena of the case at the present stage once again.

[N.B.: See the last sentence (16) in a translation more loosely disposed, as this translator sees, to Goethe's most respected thinking:

16. An annulus forms here from needles much the same as a calyx, and we will in what follows have to remember at similar phenomena the present case once again.

(September 23, 2004)

17. Ganz unförmliche einzelne Kernstücke solcher Pflanzen, welche nur mit einem Blatte keimen, gehen wir gegenwärtig vorbei.

17. At present we particularize all informal, principal items of such plants, which sprout only with a leaf.

(September 24, 2004)

18. Dagegen bemerken wir, daß auch selbst die blattähnlichsten Kotyledonen, gegen die folgenden Blätter des Stengels gehalten, immer unausgebildeter sind. Vorzüglich ist ihre Peripherie höchst einfach, und an derselben sind so wenig Spuren von Einschnitten zu sehen, als auf ihren Flächen sich Haare oder andere Gefäße ausgebildeter Blätter bemerken lassen.

18. On  the contrary, we observe also that even the leaf-resembling cotyledons born up about the successive leaves of the stem always are untrained.  Its excellent circumference is  most plain, and at the same (circumference) so few traces of its notches can be seen, as hairs on its surfaces or other hollow-ware of  developed leaves can be seen.

(September 27, 28, 2004) 

Seedlings      Cotyledons      Diagram of seed

   ---->>   [FrontPage Image Map Component]  

      

Pictures and Illustrations

Credit  for pictures: http://faculty.clintoncc.suny.edu/faculty/Michael.Gregory/default.htm

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II. Ausbildung der Stengelblätter von Knoten zu Knoten

II. Development of the Stem-Leaves from Node to Node

19. Wir können nunmehr die sukzessive Ausbildung der Blätter genau betrachten, da die fortschreitenden Wirkungen der Natur alle vor unsern Augen vorgehen, ginge oder mehrere der nun folgenden Blätter sind oft schon in dem Samen gegenwärtig und liegen zwischen den Kotyledonen eingeschlossen; sie sind in ihrem zusammengefalteten Zustande unter dem Namen des Federchens bekannt. Ihre Gestalt verhält sich gegen die Gestalt der Kotyledonen und der folgenden Blätter an verschiedenen Pflanzen verschieden, doch weichen sie meist von den Kotyledonen schon darin ab, daß sie flach, zart und überhaupt als wahre Blätter gebildet sind, sich völlig grün färben, auf einem sichtbaren Knoten ruhen und ihre Verwandtschaft mit den folgenden Stengelblättern nicht mehr verleugnen können, welchen sie aber noch gewöhnlich darin nachstehen, daß ihre Peripherie, ihr Rand nicht vollkommen ausgebildet ist.

19. Henceforth, we can survey the gradual development of the leaves,  (the development) would go --  the progressive forces of nature all proceed there before our eyes; or, several of the now succeeding leaves are often yet present in the seed and lie enclosed between the cotyledons; they are in their folded-up state known under the name of 'plumule'.  Its likeness* acts towards the conformation of the cotyledons and of the successive leaves on various plants variedly; however, they (the leaves) diverge for the most part from the cotyledons yet therein, insomuch as they are flat, feathery and actually refined as true leaves; (they) assume a completely green color, they rest on an observable node and can no more disown their relatedness with the successive stem-leaves, which, however, they are still normally inferior thereto, insomuch as their circumference, their boundary is not completely developed.

*Likeness here refers to the concept of development of the leaves.

(September 30, 2004)

20. Doch breitet sich die fernere Ausbildung unaufhaltsam von Knoten zu Knoten durch das Blatt aus, indem sich die mittlere Rippe desselben verlängert und die von ihr entspringenden Nebenrippen sich mehr oder weniger nach den Seiten ausstrecken. Diese verschiedenen Verhältnisse der Rippen gegeneinander sind die vornehmste Ursache der mannigfaltigen Blattgestalten. Die Blätter erscheinen nunmehr eingekerbt, tief eingeschnitten, aus mehreren Blättchen zusammengesetzt, in welchem letzten Falle sie uns vollkommene kleine Zweige vorbilden. Von einer solchen sukzessiven höchsten Vermannigfaltigung der einfachsten Blattgestalt gibt uns die Dattelpalme ein auffallendes Beispiel. In einer Folge von mehreren Blättern schiebt sich die Mittelrippe vor, das fächerartige einfache Blatt wird zerrissen, abgeteilt, und ein höchst zusammengesetztes, mit einem Zweige wetteiferndes Blatt wird entwickelt. 

20. However, the more remote development spreads out inexorably from node to node by dint of the leaf, by the middle ridge 1 extending itself of the same, and which auxiliary ridges arising from it extend themselves more or less towards the sides.  These various measures of the ridges against each other are the most distinguished cause of the diverse conformations of leaves.   The leaves seem henceforth notched, deeply cut in, consisting of several leaflets, in which ultimate case they train perfect sprigs for us.  The date tree gives us an outstanding example from one such gradual, ultimate diversification of the plainest leaf-form.  In a succession of several leaves the center web advances, the simple, fanlike leaf becomes riven, parcelled, and a greatly complex, striving leaf becomes developed with a twig.

(September 30, 2004)

1. N.B.: Technically, a word for leaf vein is die Blattrippe.  Therefore, Rippe standing alone in the context of this work might be translated also as vein, or leaf vein, whereas the succinct, standing definition of Rippe in the sense here is ridge.

As can be seen here in the last sentence, Rippe can also mean web, as compounded in Mittelrippe, center web.   (October 1, 2004)

21. In ebendem Maße, in welchem das Blatt selbst an Ausbildung zunimmt, bildet sich auch der Blattstiel aus, es sei nun daß er unmittelbar mit seinem Blatte zusammenhange oder ein besonderes, in der Folge leicht abzutrennendes Stielchen ausmache.

21. At ground level, at which even the leaf increases in development, the leaf stalk (petiole) also forms itself; it would now be that he forthwith would connect with his leaf, or a particular, readily following one would form a separable stem.

(October 1, 2004) 

22. Daß dieser für sich bestehende Blattstiel gleichfalls eine Neigung habe sich in Blättergestalt zu verwandeln, sehen wir bei verschiedenen Gewächsen, zum Beispiel an den Agrumen, und es wird uns seine Organisation in der Folge noch zu einigen Betrachtungen auffordern, welchen wir gegenwärtig ausweichen.

22. We see on various plants, for example on the agrumen, that this existent petiole could have likewise for itself  a tendency to turn into leaf-form, and it will still invite us to some observations on its organization consequently, which we at this stage sidestep.

23. Auch können wir uns vorerst in die nähere Beobachtung der Afterblätter nicht einlassen; wir bemerken nur im Vorbeigehn, daß sie, besonders wenn sie einen Teil des Stiels ausmachen, bei der künftigen Umbildung desselben gleichfalls sonderbar verwandelt werden.

23.  Also, we cannot allow ourselves to enter for the time being into the closer observation of the after-leaves; we observe only in passing by, that they during the accruing transmutation of the same also become metamorphosed oddly, specifically when they put out a section of the stem.

(October 2, 2004)

24. Wie nun die Blätter hauptsächlich ihre erste Nahrung den mehr oder weniger modifizierten wässerigen Teilen zu verdanken haben, welche sie dem Stamme entziehen, so sind sie ihre größere Ausbildung und Verfeinerung dem Lichte und der Luft schuldig. Wenn wir jene in der verschlossenen Samenhülle erzeugten Kotyledonen, mit einem rohen Safte nur gleichsam ausgestopft, fast gar nicht, oder nur grob organisiert und ungebildet finden. so zeigen sich uns die Blätter der Pflanzen, welche unter dem Wasser wachsen, gröber organisiert als andere, der freien Luft ausmertzte 3; ja sogar entwickelt dieselbige Pflanzenart glättere und weniger verfeinerte Blätter, wenn sie in tiefen feuchten Orten wächst; da sie hingegen, in höhere Gegenden versetzt, rauhe, mit Haaren versehene, feiner ausgearbeitete Blätter hervorbringt.

24. Now as the leaves must owe their first nutrition principally to the more or less modified watery parts, such as they deprive the trunk, so do they owe their greater development and refinement to the light and to the air.  If we find  those  produced in the closed seed shells, now quasi-stuffed with a green juice, virtually none, or only coarsely organized and ill-bred cotyledons, so  the leaves of the plants appear to us more grossly organized than others, which grow expunged of the free air under the water; yes, actually, the same smoother and less refined plant species develop, if they grow in deeply dammed places; whereas, it, displaced in upper regions there, rough, provided with hairs, brings forth more refined, elaborated leaves. 

3 There is an error in the script where ausmertzte lacks the two letters "me," so that this word has been chosen as the most likely candidate for the intended word.  Ausmerzen means to expunge.

(October 5, 2004)

25. Auf gleiche Weise wird die Anastomose der aus den Rippen entspringenden und sich mit ihren Enden einander aufsuchenden, die Blatthäutchen bildenden Gefäße durch feinere Luftarten wo nicht allein bewirkt, doch wenigstens sehr befördert. Wenn Blätter vieler Pflanzen, die unter dem Wasser wachsen, fadenförmig sind, oder die Gestalt von Geweihen annehmen, so sind wir geneigt, es dem Mangel einer vollkommenen Anastomose zuzuschreiben. Augenscheinlich belehrt uns hiervon das Wachstum des Ranunculus aquaticus, dessen unter dem Wasser erzeugte Blätter aus fadenförmigen Rippen bestehen, die oberhalb des Wassers entwickelten aber völlig anastomosiert und zu einer zusammenhängenden Fläche ausgebildet sind. ja es läßt sich an halb anastomosierten, halb fadenförmigen Blättern dieser Pflanze der Übergang genau bemerken.

25. In the same way, the anastomosis grows of the arising out of the ridges, and themselves scouting one another  with their ends, the leaf membranes forming vessels by means of subtler kinds of air where nothing effectuates on its own; however, (it) at least advances greatly.  When leaves of many plants which grow under the water are threadlike, or assume the form of antlers, so we are inclined to attribute it to the absence of a perfect anastomosis.  The growth of the Ranunculus aquaticus advises us evidently thereof, whose leaves, originated under the water, are composed of filamentous veins which develop above the water, but anastomose perfectly and are constructed in a contiguous surface area.  Yes, the transition of these plants to half-anastomosed, half-filamentous leaves, can be closely observed.

(October 07, 2004)

Ranunculus aquaticus

This picture of  Ranunculus aquaticus is by courtesy of Hugh Wilson.  Click onto picture for enlargement on separate page.

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26. Man hat sich durch Erfahrungen unterrichtet, daß die Blätter verschiedene Luftarten einsaugen, und sie mit den in ihrem Innern enthaltenen Feuchtigkeiten verbinden; auch bleibt wohl kein Zweifel übrig, daß sie diese feineren Säfte wieder in den Stengel zurückbringen und die Ausbildung der in ihrer Nähe liegenden Augen dadurch vorzüglich befördern. Man hat die aus den Blättern mehrerer Pflanzen, ja aus den Höhlungen der Rohre entwickelten Luftarten untersucht, und sich also vollkommen überzeugen können.

26.  That the leaves absorb various types of air, has been itself taught through records, and they join with those contained moistures within their interior; also, there remains arguably no doubt residually, that they bring back again these more subtle juices into the stem, and the development of the eyes lying in their proximity thereby feeds excellently.  The types of air have been researched from the leaves of various plants, yes, out of the cavities of the developing tubes, and thus can completely satisfy themselves.

27. Wir bemerken bei mehreren Pflanzen, daß ein Knoten aus dem andern entspringt. Bei Stengeln, welche von Knoten zu Knoten geschlossen sind, bei den Cerealien, den Gräsern, Rohren, ist es in die Augen fallend; nicht ebensosehr bei andern Pflanzen, welche in der Mitte durchaus hohl und mit einem Mark oder vielmehr einem zelligen Gewebe ausgefüllt erscheinen. Da man nun aber diesem ehemals sogenannten Mark seinen bisher behaupteten Rang, neben den andern inneren Teilen der Pflanze, und wie uns scheint, mit überwiegenden Gründen, streitig gemacht (Hedwig, in des Leipziger Magazins drittem Stück.), ihm den scheinbar behaupteten Einfluß in das Wachstum abgesprochen und der innern Seite der zweiten Rinde, dem sogenannten Fleisch, alle Trieb- und Hervorbringungskraft zuzuschreiben nicht gezweifelt hat: so wird man sich gegenwärtig eher überzeugen, daß ein oberer Knoten, indem er aus dem vorhergehenden entsteht und die Säfte mittelbar durch ihn empfängt, solche feiner und filtrierter erhalten, auch von der inzwischen geschehenen Einwirkung der Blätter genießen, sich selbst feiner ausbilden und seinen Blättern und Augen feinere Säfte zubringen müsse.

27. We notice on several plants that a knot arises from the other one.  On stems which are close by from knot to knot, on the cereals, the grasses, on tubes, it tends downward into the eyes;  not as much with other plants, which seem to all intents and purposes hollow in the middle and filled out with a pulp or rather with a cellular tissue.   Now there,  however, this formerly so-called pith (pulp) next to the other inner parts of the plant, its status maintained up to now, is disputed, and as it seems to us with preponderant reasons (Hedwig, in the Leipzig Magazine third piece); he has not doubted all shoots  and the bringing out of their strength, to him arranged for the apparantly maintained influence in the growth and ascribable to the so-called flesh of the inner side of the second bark: thus will one at this time convince himself first, that a superior knot, while he originates out of the preceding one and receives the juices indirectly by him, such receive more finely and filtratedly;  also, (such) enjoy the effects of the leaves accomplished in the meantime; it must itself develop more subtley and expend finer juices for its leaves and eyes.

(October 15 - 18, 2004)

28. Indem nun auf diese Weise die roheren Flüssigkeiten immer abgeleitet, reinere herbeigeführt werden, und die Pflanze sich stufenweise feiner ausarbeitet, erreicht sie den von der Natur vorgeschriebenen Punkt. Wir sehen endlich die Blätter in ihrer größten Ausbreitung und Ausbildung, und werden bald darauf eine neue Erscheinung gewahr, welche uns unterrichtet: die bisher beobachtete Epoche sei vorbei, es nahe sich eine zweite, die Epoche der Blüte.

28. Now while the more raw fluids are always thus derived, more pure ones become precipitated, and the plant itself draws up by progressive stages more finely; she* attains for them the mandatory item from nature.  We see ultimately the leaves in their greatest broadening and development, and soon thereupon become aware, which informs us: the hitherto observed epoch would be over, it would approach the second one, the epoch of the florescence.

* 'She' refers to the plant, which is die Pflanze, of the feminine gender.

(October 19, 2004)

III. Übergang zum Blütenstande

III. Transition to the Inflorescence

29. Den Übergang zum Blütenstande sehen wir schneller oder langsamer geschehen. In dem letzten Falle bemerken wir gewöhnlich, daß die Stengelblätter von ihrer Peripherie herein sich wieder zusammenzuziehen anfangen, besonders ihre mannigfaltigen äußern Einteilungen zu verlieren, sich dagegen an ihren untern Teilen, wo sie mit dem Stengel zusammenhängen, mehr oder weniger auszudehnen; in gleicher Zeit sehen wir wo nicht die Räume des Stengels von Knoten zu Knoten merklich verlängert, doch wenigstens denselben gegen seinen vorigen Zustand viel feiner und schmächtiger gebildet.

29. The transition to the inflorescence we see accomplished faster or slower.  We notice in the last case normally that the stem-leaves start to contract in again from their periphery, particularly their diverse arrangements express in trailing away against their lower parts, where they connect with the stem (stalk) more or less to elongate; at the same time we see where the cavities of the stems from knot to knot are not markedly elongated; still (it)* shapes at the least against the same (cavity) in its antecedent status much more finely and lankily.  

* To help in visualizing the description in this passage, realize that 'it shapes' is a reference to time. Through time the observer, Goethe, can note the development of the stem-leaves especially well when the transition to inflorescence is of the slower kind which he mentions at the outset of the passage.

(October 19 & 20, 2004)

30. Man hat bemerkt, daß häufige Nahrung den Blütenstand einer Pflanze verhindere, mäßige, ja kärgliche Nahrung ihn beschleunige. Es zeigt sich hierdurch die Wirkung der Stammblätter, von welcher oben die Rede gewesen, noch deutlicher. Solange noch rohere Säfte abzuführen sind so lange müssen sich die möglichen Organe der Pflanze zu Werkzeugen dieses Bedürfnisses ausbilden. Dringt übermäßige Nahrung zu, so muß jene Operation immer wiederholt werden, und der Blütenstand wird gleichsam unmöglich. Entzieht man der Pflanze die Nahrung, so erleichtert und verkürzt man dagegen jene Wirkung der Natur; die Organe der Knoten werden verfeinert, die Wirkung der unverfälschten Säfte reiner und kräftiger, die Umwandlung der Teile wird möglich und geschieht unaufhaltsam.

30. It has been observed that frequently nutrition of the inflorescence of a plant may avert moderately; yes, meager nutriment may advance to it.  It appears through this, the effect of the stem-leaves from which the above discourse has been, is yet broad.  So long as the more raw saps can still be conducted, thus for a long time the contingent organs of the plant must develop themselves towards the tools of necessity.  Too profuse nutriment gets through, so that those operations must always be repeated, and the inflorescence becomes, as it were, impractical.  The nutrition of a plant is deprived, so is eased, and that effect of nature is abridged against it; the organs of the knots become refined, the effects of unaltered saps become more pure and more effectual, the transmutation of the parts becomes possible and occurs inexorably.

(October 21 & 22, 2004)

IV. Bildung des Kelches

IV. The Formation of the Calyx1

31. Oft sehen wir diese Umwandlung schnell vor sich gehn, und in diesem Falle rückt der Stengel, von dem Knoten des letzten ausgebildeten Blattes an, auf einmal verlängt und verfeinert, in die Höhe; und versammelt an seinem Ende mehrere Blätter um eine Achse. 

31. Often we see this transmutation goes quickly by itself, and in this case the stem advances from the knot of the last developed leaf, at once elongated and refined, into the height, and gathers at its bottom several leaves around an axis.

32. Daß die Blätter des Kelches eben dieselbigen 0rgane seien, welche sich bisher als Stengelblätter ausgebildet sehen lassen, nun aber oft in sehr veränderter Gestalt um einen gemeinschaftlichen Mittelpunkt versammelt stehen, wie uns dünkt, auf das deutlichste nachweisen.

32. That the leaves of the calyx would be flush with the same organs, which can be seen until this time as developed stem-leaves, now, however, often become gathered into very modified form around a collaborative central point, demonstrates, as it would seem to us, the most explicit one.

Translation modified further:

32. As it would seem to us, that the leaves of the calyx would be flush with the same organs, provides evidence on the most explicit one; now though, that which can be seen until this time as developed stem-leaves often become gathered into very modified form around a collaborative central point.

(October 22, 2004)

33. Wir haben schon oben bei den Kotyledonen eine ähnliche Wirkung der Natur bemerkt, und mehrere Blätter, ja offenbar mehrere Knoten, um einen Punkt versammelt und nebeneinander gerückt gesehen. Es zeigen die Fichtenarten, indem sie sich aus dem Samenkorn entwickeln, einen Strahlenkranz von unverkennbaren Nadeln, welche, gegen die Gewohnheit anderer Kotyledonen, schon sehr ausgebildet sind; und wir sehen in der ersten Kindheit dieser Pflanze schon diejenige Kraft der Natur gleichsam angedeutet, wodurch in ihrem höheren Alter der Blüten- und Fruchtstand gewirkt werden soll.

33. We have already observed at the top on the cotyledons a similar effect of nature, and have seen several leaves, yes, evidently several knots, gathered about a point and moved in parallel.  The spruce species demonstrates by developing from the grain, a corona of distinctive needles, which, against the custom of other cotyledons, have already developed greatly; and we see in the first infanthood of this plant yet the same power of nature indicated, as it were, whereby the inflorescence and fruit-state are to be be acted upon in her superior age.

(October 22, 2004)

34. Ferner sehen wir bei mehreren Blumen unveränderte Stengelblätter gleich unter der Krone zu einer Art von Kelch zusammengerückt. Da sie ihre Gestalt noch vollkommen an sich tragen, so dürfen wir uns hier nur auf den Augenschein und auf die botanische Terminologie berufen, welche sie mit dem Namen Blütenblätter, folia floralia, bezeichnet hat.

34. Furthermore, we see on several flowers unchanged stem-leaves have moved together under the corona from the calyx identically for a species.  Since they mark out her form yet completely themselves, thus we may here appeal to the appearance and to the botanical terminology, which has designated with the name petals, the "flower-leaves."2  (Edited on November 29, 2004)

2 Folia means leaves and floralia refers to flowers in Latin, thus: folium, -i, n., a leaf; flos, floris, m., a flower.  Flora was the goddess of flowers and of spring.  From this derived the substantive floralia, -ium, which was the festival of Flora.  Ref.: Cassells's New Latin Dictionary.

35. Mit mehrerer Aufmerksamkeit haben wir den oben schon angeführten Fall zu beobachten, wo der Übergang zum Blütenstande langsam vorgeht, die Stengelblätter nach und nach sich zusammenziehen, sich verändern, und sich sachte in den Kelch gleichsam einschleichen; wie man solches bei Kelchen der Strahlenblumen, besonders der Sonnenblumen, der Kalendeln, gar leicht beobachten kann.

35. With repeated attention we must have observed the already quoted case, where the transition to the inforescence proceeds slowly, the stem leaves contract bit by bit, alter themselves, and themsleves creep gently into the calyx, as it were; as with calyces of the ray-like flowers, such can be easily observed, especially of the sunflowers, of the Kalendeln.

(October 23, 2004)

36. Diese Kraft der Natur, welche mehrere Blätter um eine Achse versammelt, sehen wir eine noch innigere Verbindung bewirken und sogar diese zusammengebrachten modifizierten Blätter noch unkenntlicher machen, indem sie solche untereinander manchmal ganz, oft aber nur zum Teil verbindet und an ihren Seiten zusammengewachsen hervorbringt. Die so nahe aneinander gerückten und gedrängten Blätter berühren sich auf das genauste in ihrem zarten Zustande, anastomosieren sich durch die Einwirkung der höchst reinen, in der Pflanze nunmehr gegenwärtigen Säfte, und stellen uns die glockenförmigen oder sogenannten einblätterigen Kelche dar, welche mehr oder weniger von oben herein eingeschnitten, oder geteilt, uns ihren zusammengesetzten Ursprung deutlich zeigen. Wir können uns durch den Augenschein hiervon belehren, wenn wir eine Anzahl tief eingeschnittener Kelche gegen mehrblätterige halten; besonders wenn wir die Kelche mancher Strahlenblumen genau betrachten. So werden wir zum Exempel sehen, daß ein Kelch der Kalendel, welcher in der systematischen Beschreibung als einfach und vielgeteilt aufgeführt wird, aus mehreren zusammen- und übereinander gewachsenen Blättern bestehe, zu welchen sich, wie schon oben gesagt, zusammengezogene Stammblätter gleichsam hinzuschleichen.

36. We see this agency of nature which gathers several leaves around an axis brings about a yet deeper connection, and actually makes even more unrecognizable these modified leaves brought together, while she connects such below one another sometimes completely, often, however, only at a part and grown together at their sides.  The leaves, moved over so near to one another and pressed, contact themselves at the closest in their delicate state, anastomose through the influence of the most pure saps present henceforth in the plant, and demonstrate for us the bell-shaped or so-called single-leaf calyces, which, incised more or less from above, or separated, display for us her composite genesis manifestly.  We can instruct through the appearance thereof, if we present a number of deeply incised calyces in contrast to multi-leafed ones, especially when we minutely observe the calyces of some ray-like flowers.  So we will for example see, that a calyx of the Kalendel, which is mentioned in the systematic account as elementary and much-divided, consists of several leaves put forth together and one upon the other, to which they themselves, as already stated above, slowly accrete* concentrated stem-leaves, as it were.

* Hinzuschleichen could not be located as an existing verb; however, schleichen means to creep, and the prefix hinzu used with most other verbs means 'in addition to.'  One use of the verb hinzuschleichen was found in Part One of Goethe's Faust, in the character Faust's very first lines.  The search engine's translated page (Google) gave the meaning of hinzuschleichen as 'in addition-creep."  In the sense of the description here in Goethe's botanical experiment, then, 'to creep additively' would mean 'to accrete slowly.'

(October 23, 24 & 25, 2004)

37. Bei vielen Pflanzen ist die Zahl und die Gestalt, in welcher die Kelchblätter, entweder einzeln oder zusammengewachsen, um die Achse des Stiels gereiht werden, beständig, so wie die übrigen folgenden Teile. Auf dieser Beständigkeit beruht größtenteils das Wachstum, die Sicherheit, die Ehre der botanischen Wissenschaft, welche wir in diesen letztern Zeiten immer mehr haben zunehmen sehn. Bei andern Pflanzen ist die Anzahl und Bildung dieser Teile nicht gleich beständig; aber auch dieser Unbestand hat die scharfe Beobachtungsgabe der Meister dieser Wissenschaft nicht hintergehen können, sondern sie haben durch genaue Bestimmungen auch diese Abweichungen der Natur gleichsam in einen engern Kreis einzuschließen gesucht.

37. On many plants the number and the form are constant in which the sepals are grown either discretely or together, thus as the residual, successive components are arranged about the axis of the stem.  Upon this constancy rests largely the growth, the certitude, the honesty of botanical science; yearn Thou for which we have in these recent times ever more to gain.  The number and formation of these components on other plants are not similarly constant; however, this inconstancy can not deceive as well the sharp power of observation of the masters of this science, but also, they have sought to include through exact determinations these variations of nature, as it were, in a more narrow cycle.

(October 25 & 26,  2004)

38. Auf diese Weise bildet also die Natur den Kelch, daß sie mehrere Blätter und folglich mehrere Knoten, welche sie sonst nacheinander, und in einiger Entfernung voneinander hervorgebracht hätte, zusammen, meist in einer gewissen bestimmten Zahl und Ordnung um einen Mittelpunkt verbindet. Wäre durch zudringende überflüssige Nahrung der Blütenstand verhindert worden, so würden sie alsdann auseinander gerückt und in ihrer ersten Gestalt erschienen sein. Die Natur bildet also im Kelch kein neues Organ, sondern sie verbindet und modifiziert nur die uns schon bekannt gewordenen Organe, und bereitet sich dadurch eine Stufe näher zum Ziel.

38. In this way, therefore, nature forms the calyx, that she combines together several leaves and accordingly several knots,  mostly in a certain specific number and organization about a central point, which she otherwise would have generated one after another and in some distance of each other.  Had the inflorescence been inhibited by means of choking, superfluous nutrition, they would be thereupon moved apart and would have appeared in her first form.  Therefore, nature forms in the calyx no new organ, but she connects and only modifies the already established organs known to us, and readies herself thereby for a stage nearer to the objective.

(October 27, 29 & 30. 2004)

1 According to Gray's Manual of Botany, the calyx is considered to be the outer perianth of the flower.  Calyx derives from the Latin word for goblet, or drinking vessel, calix, calicis, m., according to Cassell's New Latin Dictionary, so that the form of the perianth would match the shape suggested by the original Latin word meaning goblet, even cooking vessel; also, from this Latin word derives chalice.  There are other defining characteristics of the word calyx which go beyond the suggestion of shape or form only, as given perhaps by the original introduction of the term through the etymological corridor.  A calyx can also be considered as the entire collective of sepals whorled around the base of a flower.  The terminology may be more elaborated than it is one-pointed in this sense, so that the derivation of the word will help in seeing how the word came into use at least as descriptive, and thenceforth may have become broader defintionally.

V. Bildung der Krone

V. Formation of the Corolla

39. Wir haben gesehen, daß der Kelch durch verfeinerte Säfte, welche nach und nach in der Pflanze sich erzeugen, hervorgebracht werde, und so ist er nun wieder zum Organe einer künftigen weitern Verfeinerung bestimmt. Es wird uns dieses schon glaublich, wenn wir seine Wirkung auch bloß mechanisch erklären. Denn wie höchst zart und zur feinsten Filtration geschickt müssen Gefäße werden, welche, wie wir oben gesehen haben, in dem höchsten Grade zusammengezogen und aneinander gedrängt sind.

39. We have seen that the calyx is produced by means of refined saps, which generate themselves bit by bit in the plant, and thus is it now again prearranged for the organ of one wider, future refinement.  This becomes yet believable to us, even if we explain its effect mechanically only; for vessels must grow well, as most tender, and for the finest filtration, which, as we have seen above, are in the highest degree concentrated and pressed together.

(October 30 & 31, 2004)

40. Den Übergang des Kelchs zur Krone können wir in mehr als einem Fall bemerken; denn, obgleich die Farbe des Kelchs noch gewöhnlich grün und der Farbe der Stengelblätter ähnlich bleibt, so verändert sich dieselbe doch oft an einem oder dem andern seiner Teile, an den Spitzen, den Rändern, dem Rücken, oder gar an seiner inwendigen Seite, indessen die äußere noch grün bleibt; und wir sehen mit dieser Färbung jederzeit eine Verfeinerung verbunden. Dadurch entstehen zweideutige Kelche, welche mit gleichem Rechte für Kronen gehalten werden können.

40. We can observe the transition of the calyx to the corolla in more than one case, because although the color of the calyx still normally remains green and similar to  the color of the stem-leaves, so still the same (the corolla) alters  often at one or the other of its parts at the tips, the edges, the back, or even at its interior side; meanwhile the external one still remains green, and we see a refinement linked with the coloring everytime.  Thereby, equivocal calyces are generated, which can be considered with the same rights on the behalf of the corolla.  

(October 31 & November 1, 2004)

41. Haben wir nun bemerkt, daß von den Samenblättern herauf eine große Ausdehnung und Ausbildung der Blätter, besonders ihrer Peripherie, und von da zu dem Kelche eine Zusammenziehung des Umkreises vor sich gehe, so bemerken wir, daß die Krone abermals durch eine Ausdehnung hervorgebracht werde. Die Kronenblätter sind gewöhnlich größer als die Kelchblätter, und es läßt sich bemerken 'daß wie die Organe im Kelch zusammengezogen werden, sie sich nunmehr als Kronenblätter, durch den Einfluß reinerer, durch den Kelch abermals filtrierter Säfte, in einem hohen Grade verfeint wieder ausdehnen, und uns neue, ganz verschiedene Organe vorbilden. Ihre feine Organisation, ihre Farbe, ihr Geruch würden uns ihren Ursprung ganz unkenntlich machen, wenn wir die Natur nicht in mehreren außerordentlichen Fällen belauschen könnten.

41. Now if we have observed, that from the seed leaves up (are) a great extension and development of leaves, especially of her periphery, and from there to the calyx a contraction of the perimeter itself proceeds, so we observe that the corolla is produced again through an extension.  The petals are normally larger than the sepals, and it can be observed that as the organs are concentrated in the calyx, they extend themselves now as petals by means of the influence of the more pure, filtered saps once more through the calyx, purified again into a high degree, and train for us new, completely different organs.  Her fine organization, her colors, her smell would have disguised totally from us her origin, if we were not able to eavesdrop on nature in several extraordinary cases.

(November 3 & 4, 2004)

42. So findet sich zum Beispiel innerhalb des Kelches einer Nelke manchmal ein zweiter Kelch, welcher, zum Teil vollkommen grün, die Anlage zu einem einblätterigen eingeschnittenen Kelche zeigt; zum Teil zerrissen und an seinen Spitzen und Rändern zu zarten, ausgedehnten, gefärbten wirklichen Anfängen der Kronenblätter umgebildet wird, wodurch wir denn die Verwandtschaft der Krone und des Kelches abermals deutlich erkennen.

42. Thus, for example, a second calyx sometimes finds itself inside the calyx of a carnation, which, by part completely green, shows the predisposition for a single-leafed, gashed calyx;  by part riven and at its points and borders towards tender, wide-stretched, colored, actual beginnings of the petals is (the calyx) remodeled, whereby we again distinctly identify but for the relationship of the corolla and the calyces.

(November 13 & 15, 2004)

43. Die Verwandtschaft der Krone mit den Stengelblättern zeigt sich uns auch auf mehr als eine Art: denn es erscheinen an mehreren Pflanzen Stengelblätter schon mehr oder weniger gefärbt, lange ehe sie sich dem Blütenstande nähern; andere färben sich vollkommen in der Nähe des Blütenstandes.

43. The relationship of the corolla with the stem-leaves also itself demonstrates for us more than a disposition: because it colors the stem-leaves  on several plants already more or less, long before they appear to approach the inflorescence; others color themselves completely in the vicinity of the inflorescence.

(November 15, 2004)

44. Auch geht die Natur manchmal, indem sie das Organ des Kelchs gleichsam überspringt, unmittelbar zur Krone, und wir haben Gelegenheit in diesem Falle gleichfalls zu beobachten, daß Stengelblätter zu Kronenblättern übergehen. So zeigt sich zum Beispiel manchmal an den Tulpenstengeln ein beinahe völlig ausgebildetes und gefärbtes Kronenblatt. Ja noch merkwürdiger ist der Fall, wenn ein solches Blatt halb grün, mit seiner einen Hälfte zum Stengel gehörig, an demselben befestigt bleibt, indes sein anderer und gefärbter Teil mit der Krone empor gehoben und das Blatt in zwei Teile zerrissen wird.

45. Also, nature sometimes heads for the corolla directly by leaping the organ of the calyx seemingly, and we have opportunity to likewise observe in this case that stem-leaves merge unto petals.  Thus, for example, sometimes an almost fully developed and colored petal appears on the tulip stem.  Yes, still more remarkable is the case when such a leaf remains fixed half green, with its one half belonging to the stem; however, at the same its other and colored part is raised aloft with the corolla, and the leaf is riven into two parts.

(November 20 & 24, 2004)

45. Es ist eine sehr wahrscheinliche Meinung, daß Farbe und Geruch der Kronenblätter der Gegenwart des männlichen Samens in denselben zuzuschreiben sei. Wahrscheinlich befindet er sich in ihnen noch nicht genugsam abgesondert, vielmehr mit andern Säften verbunden und diluiert; und die schönen Erscheinungen der Farben führen uns auf den Gedanken, daß die Materie, womit die Blätter ausgefüllt sind, zwar in einem hohen Grad von Reinheit, aber noch nicht auf dem höchsten stehe, auf welchem sie uns weiß und ungefärbt erscheint.

45. It is a very likely estimation that color and smell of the petals in the presence of the sperm would be ascribable to the same.  Probably he is still located in them, not modestly segregated, rather, coupled with other saps and diluted; and the beautiful appearances of the colors give us the thoughts that the matter with what the leaves are filled out, indeed, stands in a high degree of purity, but still not at the highest, at which she appears to us white and non-tinted.

(November 25, 2004)

VI. Bildung der Staubwerkzeuge

VI.  Formation of the Stamens (Powder Tools)

46. Es wird uns dieses noch wahrscheinlicher, wenn wir die nahe Verwandtschaft der Kronenblätter mit den Staubwerkzeugen bedenken. Wäre die Verwandtschaft aller übrigen Teile untereinander ebenso in die Augen fallend, so allgemein bemerkt und außer allem Zweifel gesetzt, so würde man gegenwärtigen Vortrag für überflüssig halten können.

46. This becomes to us still  more probable when we consider the close relatedness of the petals with the stamen.  Were the relatedness of all remaining parts falling for the eyes in the same way one below the other, thus detected generally and setting all doubt aside, so would one be able to deem the present talk as superfluous.

(November 27, 2004)

47. Die Natur zeigt uns in einigen Fällen diesen Übergang regelmäßig, zum Beispiel bei der Canna und mehreren Pflanzen dieser Familie. Ein wahres, wenig verändertes Kronblatt zieht sich am obern Rande zusammen, und es zeigt sich ein Staubbeutel, bei welchem das übrige Blatt die Stelle des Staubfadens vertritt.

47. Nature reveals to us this transition in some cases at regular intervals, for example on the Canna and several plants of this family.  A true, sparsely modified petal contracts at the upper margin, and an anther* appears at which the remaining leaf acts for the place of the filament.

*literally,  dust pouch

(November 29, 2004)

Click here to see  pictures of a flower of the Canna family, Canna indica L.

48. An Blumen, welche öfters gefüllt erscheinen, können wir diesen Übergang in allen seinen Stufen beobachten. Bei mehreren Rosenarten zeigen sich innerhalb der vollkommen gebildeten und gefärbten Kronenblätter andere, welche teils in der Mitte, teils an der Seite zusammengezogen sind; diese Zusammenziehung wird von einer kleinen Schwiele bewirkt, welche sich mehr oder weniger als ein vollkommener Staubbeutel sehen läßt, und in ebendiesem Grade nähert sich das Blatt der einfacheren Gestalt eines Staubwerkzeugs. Bei einigen gefüllten Mohnen ruhen völlig ausgebildete Antheren auf wenig veränderten Blättern der stark gefüllten Kronen, bei andern ziehen staubbeutelähnliche Schwielen die Blätter mehr oder weniger zusammen.

48.  On flowers which frequently seem filled we can observe this transition in all of its stages.  On several kinds of roses there appear others inside the complete, refined and colored petals, which are concentrated partly in the middle, partly on the side; this contraction is brought about by a small callus, which can be seen more or less as a full anther, and in this rank the leaf of the simpler shape of a stamen draws near.  On some filled poppy plants fully developed anthers rest on little modified leaves of the highly filled corollas, on others antlerlike calluses more or less contract the leaves.  

(December 1 & 2, 2004)

49. Verwandeln sich nun alle Staubwerkzeuge in Kronenblätter, so werden die Blumen unfruchtbar; werden aber in einer Blume, indem sie sich füllt, doch noch Staubwerkzeuge entwickelt, so geht die Befruchtung vor sich.

49. If all stamens now metamorphose into petals, so the flowers become infertile; however, if still stamens are developed in a flower while it fills out, the pollination itself proceeds.

(December 3, 2004)

50. Und so entsteht ein Staubwerkzeug, wenn die Organe, die wir bisher als Kronenblätter sich ausbreiten gesehen, wieder in einem höchst zusammengezogenen und zugleich in einem höchst verfeinten Zustande erscheinen. Die oben vorgetragene Bemerkung wird dadurch abermals bestätigt und wir werden auf diese abwechselnde Wirkung der Zusammenziehung und Ausdehnung, wodurch die Natur endlich ans Ziel gelangt, immer aufmerksamer gemacht.

50. And thus does arise a stamen, when the organs which we until now have seen displayed as petals again appear in a highly concentrated and at the same time in a highly refined state.  The above recited comment is verified again thereby, from this alternating effect of the contraction and expansion, whereby nature eventually attains to the destination, always rendering more intently.

(December 4, 2004)

VII. Nektarien

VII. Nectary

51. So schnell der Übergang bei manchen Pflanzen von Krone zu den Staubwerkzeugen ist, so bemerken wir daß die Natur nicht immer diesen Weg mit einem Schritt zurücklegen kann. Sie bringt vielmehr Zwischenwerkzeuge hervor, welche an Gestalt und Bestimmung sich bald dem einen, bald dem andern Teile nähern, und obgleich ihre Bildung höchst verschieden ist, sich dennoch meist unter einen Begriff vereinigen lassen: daß es langsame Übergänge von den Kronenblättern zu den Staubgefäßen seien.

51. So fast is the transition in many plants from corolla to the stamens, thus we observe that nature cannot always put aside this route with a step.  She puts forth in fact temporary tools, which in shape and in appointment soon the one, soon the other parts approximate, and although her formation is highly distinct, nevertheless, for the most part a perception can be associated: that slow transitions from the corollas are to the stamens.

(December 5, 2004)

52. Die meisten jener verschieden gebildeten Organe, welche Linné mit dem Namen Nektarien bezeichnet, lassen sich unter diesem Begriff vereinigen; und wir finden auch hier Gelegenheit, den großen Scharfsinn des außerordentlichen Mannes zu bewundern, der, ohne sich die Bestimmung dieser Teile ganz deutlich zu machen, sich auf eine Ahnung verließ, und sehr verschieden scheinende Organe mit einem Namen zu belegen wagte.

52. The most of those different, formed organs which Linne designates with the name nectary, are associated under this concept; and we find also here opportunity to look upon the brilliancy of the outstanding man, who without making the designation itself of these components entirely clear, relied upon an intuitiveness, and ventured to source seemingly different organs with a name.

(December 7, 2004)

53. Es zeigen uns verschiedene Kronenblätter schon ihre Verwandtschaft mit den Staubgefäßen dadurch, daß sie, ohne ihre Gestalt merklich zu verändern, Grübchen oder Glandeln an sich tragen, welche einen honigartigen Saft abscheiden. Daß dieser eine noch unausgearbeitete, nicht völlig determinierte Befruchtungsfeuchtigkeit sei, können wir in den schon oben angeführten Rücksichten einigermaßen vermuten, und diese Vermutung wird durch Gründe, welche wir unten anführen werden, noch einen höhern Grad von Wahrscheinlichkeit erreichen.

53. The different petals yet do reveal to us, thereby, their relatedness to the stamens, that they mark out dimples or glands, which secrete a honey-like juice, without changing their shape markedly.  That this might be a still unmapped, not fully determined lubrication of fertilization, could we reasonably suppose in the already above-cited consideration; and this supposition through reasons, which we will offer below, will equal another superior degree of probability.

(December 9 & 10, 2004)

54. Nun zeigen sich auch die sogenannten Nektarien als für sich bestehende Teile; und dann nähert sich ihre Bildung bald den Kronenblättern, bald den Staubwerkzeugen. So sind zum Exempel die dreizehn Fäden mit ihren ebensovielen roten Kügelchen auf den Nektarien der Parnassia den Staubwerkzeugen höchst ähnlich. Andere zeigen sich als Staubfäden ohne Antheren, als an der Vallisneria, der Fevillca [Grevillea]; wir finden sie an der Pentapetes in einem Kreise mit den Staubwerkzeugen regelmäßig abwechseln, und zwar schon in Blattgestalt; auch werden sie in der systematischen Beschreibung als Filamenta castrata petaliformia angeführt. Ebensolche schwankende Bildungen sehen wir an der Kiggellaria und der Passionsblume.

54. Now the so-called nectaries also appear as parts existing for themselves; and then her form soon approaches the petals, soon the stamens.  Thus, for example, are the thirteen filaments with their no less than red globules on the nectaries of the Parnassia greatly related to the stamens.  Others appear as filaments without anthers, as on the Vallisneria, the Fevilles [Grevillea]; we find them on the Pentapetes in a circle, changing at regular intervals with the stamens, and in fact already in leaf-form; they are also cited in the sysematic delineation as Filamenta castrata petalifornia.  We see identical vacillating forms on the Kiggelaria and the Passionflower.

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Parnassia palustris L.            Vallisneria americana Michx.

Follow thumbnails link to drawings.   (Copyright © 2004 by Marilynn Stark.  All rights reserved.)

Link to information on Parnassia with classification and images.  (Opens in new window.)

Link to 'Pictures & Illustrations' page for image of Pentapetes.

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(December 11 & 13, 2004)

55. Gleichfalls scheinen uns die eigentlichen Nebenkronen den Namen der Nektarien in dem oben angegebenen Sinne zu verdienen. Denn wenn die Bildung der Kronenblätter durch eine Ausdehnung geschieht, so werden dagegen die Nebenkronen durch eine Zusammenziehung, folglich auf eben die Weise wie die Staubwerkzeuge gebildet. So sehen wir, innerhalb vollkommener ausgebreiteter Kronen, kleinere zusammengezogene Nebenkronen wie im Narzissus, dem Nerium, dem Agrostemma.

55. Likewise, the actual coronae in the above specified meaning seem to us to deserve the name of nectary.  For when the form of the petals comes about through an expansion, thus, in contrast, the coronae are formed through a contraction, consequently in the way planar as to the stamens.  Thus, we see inside the completely outspread corollae smaller, contracted coronae, as in the Narcissus, the Nerium, the Agrostemma.

  Click onto this thumbnail to see the positioning of the stamens inside the corona of a Narcissus. ( Expand to regular picture size once you are there by clicking onto the arrowed icon in the lower right hand corner of the picture, the one you first call up from the thumbnail link.)

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(December 14 & 15, 2004)

56. Noch sehen wir bei verschiedenen Geschlechtern andere Veränderungen der Blätter, welche auffallender und merkwürdiger sind. Wir bemerken an verschiedenen Blumen, daß ihre Blätter inwendig, unten, eine kleine Vertiefung haben, welche mit einem honigartigen Safte ausgefüllt ist. Dieses Grübchen, indem es sich bei andern Blumengeschlechtern und Arten mehr vertieft, bringt auf der Rückseite des Blattes eine sporn- oder hornartige Verlängerung hervor und die Gestalt des übrigen Blattes wird sogleich mehr oder weniger modifiziert. Wir können dieses an verschiedenen Arten und Varietäten des Agleis genau bemerken.

56. Yet we see with different genera other diversifications of the leaves, which are more striking and more remarkable.  We notice on different flowers, that their leaves have below and inside a small cavity, which is filled with a honey-like juice.  This dimple, while it recesses itself more on other genera of flowers and species, produces on the back side of the leaf a spur-like or horn-like extension, and the shape of the remaining leaves is modified more or less immediately.  We can obseve this on different kinds and varieties of the Agleis.*

*Agleis, if spelled as aegleis, defines a certain member of the kingdom of Animalia, of the phylum Mollusca and the class Gastropoda.  The Solariella aegleis is a marine snail, and has a special, conical shell made of calcium carbonate which is secreted by the mantle of the body of the snail.   This shell is nacreous, or made of mother-of-pearl, and is known as a top shell.  

  columbinespur.jpg (8563 bytes)  Click onto the thumbnail to see the spur-like extension illustrated in a live photo of a columbine, the Aqualegia laramiensis.  The common name for this flower is laramie columbine.

aquilgiabar.jpg (23299 bytes)  

Aquilegia barnebyi  illustrates also the honey-filled spur-like extension referred to in the 56th passage.

(Photos credit: USDA, NRCS. 2004. The PLANTS Database, Version 3.5 (http://plants.usda.gov). National Plant Data Center, Baton Rouge, LA 70874-4490 USA.

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(December 16 & 17, 2004)

57. Im höchsten Grad der Verwandlung findet man dieses Organ, zum Beispiel bei dem Aconitum und der Nigella, wo man aber doch mit geringer Aufmerksamkeit ihre Blattähnlichkeit bemerken wird; besonders wachsen sie bei der Nigella leicht wieder in Blätter aus, und die Blume wird durch die Umwandlung der Nektarien gefüllt. Bei dem Aconito wird man mit einiger aufmerksamer Beschauung die Ähnlichkeit der Nektarien und des gewölbten Blattes, unter welchen sie verdeckt stehen, erkennen.

57. In the highest degree of metamorphosis this organ is found, for example, on the Aconitum and Nigella, where, however, its resemblance to leaves will be observed with lesser regard; especially they go back to seed easily at the leaves on the Nigella, and the flower is filled again through the transmutation of the nectary.  On the Aconitum the similarity of the nectary and of the curved leaf under which it becomes hooded is identified.

Aconitumcolumbianum.jpg (8490 bytes) acitonumlg.jpg (94631 bytes)  

 Aconitum columbianum Nutt. ssp. columbianum; Columbian monkshood, common name. 

Photo credit:  USDA, NRCS. 2004. The PLANTS Database, Version 3.5 (http://plants.usda.gov). National Plant Data Center, Baton Rouge, LA 70874-4490 USA.  (Thumbnails lead to full-size photo.)

nigellalg.jpg (30657 bytes) Nigella damascena  

Photo credit: Friedrich A. Lohmueller, The Botanical System of the Plants at http://www.f-lohmueller.de. (Thumbnail leads to larger photo.)

(December 18, 2004)

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58. Haben wir nun eben gesagt, daß die Nektarien Annäherungen der Kronenblätter zu den Staubgefäßen seien, so können wir bei dieser Gelegenheit über die unregelmäßigen Blumen einige Bemerkungen machen. So könnten zum Exempel die fünf äußern Blätter des Melianthus als wahre Krotienblätter aufgeführt, die fünf innern aber als eine Nebenkrone, aus sechs Nektarien bestehend, beschrieben werden, wovon das obere sich der Blattgestalt am meisten nähert, das untere, das auch jetzt schon Nektarium heißt, sich am weitsten von ihr entfernt. In eben dem Sinne könnte man die Carina der Schmetterlingsblumen ein Nektarium nennen, indem sie unter den Blättern dieser Blume sich an die Gestalt der Staubwerkzeuge am nächsten heran bildet, und sich sehr weit von der Blattgestalt des sogenannten Vexilli entfernt. Wir werden auf diese Weise die pinselförmigen Körper, welche an dem Ende der Carina einiger Arten der Polygala befestigt sind, gar leicht erklären, und uns von der Bestimmung dieser Teile einen deutlichen Begriff machen können.

58. Now if we have just said that the nectaries are convergences of the petals to the stamens, with this opportunity can we thus make some remarks about the irregular flowers.  So, for example, the five outer leaves of the Melianthus presented could be described as true petals ; the five inner ones, however, as a corona consisting of five nectaries, whereof the upper one at most approaches the leaf-shape; the inferior one, now also yet called the nektarium, diverges the farthest from you.  In even sense could the Carina be named a nectary of the 'butterfly flowers,' as it trains itself under the leaves of this flower to the shape of the next stamen, and diverges very far from the shape of the leaf of the so-called Vexilli**.  We will explain easily in this way the brush-form bodies which are fastened at the end of the vessel of some kinds of Polygala, and can render for us a perspicuous concept of the disposition of these parts. 

*Carina is vessel, from Latin

**Vexilli is the genitive singular form of vexillum in Latin, which means flag or standard.

Schizanthus pinnatus or butterfly flower.  (Click onto thumbnail for full view of drawing by Marilynn Stark.) 

 

© 2004  by Marilynn Stark.  All rights reserved

melianthus.jpg (83788 bytes)

Melianthus major.  Common name:  honey flower.  (Click onto thumbnail for enlargement.)  Photo credit:  GardenWeb's HortiPlex Plant Database or www.gardenweb.com

melianthusflower.jpg (6373 bytes) Melianthus major flower.  (Click onto thumbnail for slight enlargement.) Photo credit: Tiscali.gardening at www.tiscali.co.za/gardening

Polygala.jpg (435374 bytes) Polygala alba Nutt. or white milkwort by Marilynn Stark (Click thumbnail for enlargement of drawing.)

(December 19 & 20, 2004)

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59. Unnötig würde es sein, sich hier ernstlich zu verwahren, daß es bei diesen Bemerkungen die Absicht nicht sei, das durch die Bemühungen der Beobachter und Ordner bisher Abgesonderte – und in Fächer Gebrachte zu verwirren; man wünscht nur, durch diese Betrachtungen die abweichenden Bildungen von Pflanzen erklärbarer zu machen.

59. It would be needless here to seriously protest, that with these remarks the tendency would not be to to confuse, that (confusion) by the efforts of the observers and disposers, the hitherto secreted ones -- those brought into pockets; now one would only wish through these considerations to render more explainable the variant formations of the plants.

(December 21, 2004)

VIII. Noch einiges von den Staubwerkzeugen

VIII. Still Some of the Stamens

60. Daß die Geschlechtsteile der Pflanzen durch die Spiralgefäße wie die übrigen Teile hervorgebracht werden, ist durch mikroskopische Beobachtungen außer allein Zweifel gesetzt. Wir nehmen daraus ein Argument für die innere Identität der verschiedenen Pflanzenteile, welche uns bisher in so mannigfaltigen Gestalten erschienen sind.

60. That the sexual parts of the plants are produced through the spiral vessels as per the residual parts is through microscopic observations alone beyond doubt.  Hence, we take an argument by the inner identity of different plant parts, which up to now have appeared to us in such diverse shapes.

(December 24, 2004)

61. Wenn nun die Spiralgefäße in der Mitte der Saftgefäßbündel liegen, und von ihnen umschlossen werden, so können wir uns jene starke Zusammenziehung einigermaßen näher vorstellen, wenn wir die Spiralgefäße, die uns wirklich als elastische Federn erscheinen, in ihrer höchsten Kraft gedenken, so daß sie überwiegend, hingegen die Ausdehnung der Saftgefäße subordiniert wird.

61. Now when the spiral vessels are situated in the center of the vascular sap bundles, and are surrounded by them, so can we imagine somewhat approximately those strong concentrations; if in her* highest verdure we think of the spiral vessels, which appear to us actually as elastic feathers, so they are preponderant, whereas, the expansion of the sap vessels is subordinated.

* "Her" is in reference to nature, die Natur, a feminine noun.

62. Die verkürzten Gefäßbündel können sich nun nicht mehr ausbreiten sich einander nicht mehr aufsuchen und durch Anastomose kein Netz mehr bilden; die Schlauchgefäße, welche sonst die Zwischenräume des Netzes ausfüllen, können sich nicht mehr entwickeln, alle Ursachen, wodurch Stengel-, Kelch- und Blumenblätter sich in die Breite ausgedehnt haben, fallen hier völlig weg, und es entsteht ein schwacher, höchst einfacher Faden.

62. The shortened vascular bundles can now no more spread out, no more scout out one another and through anastomosis form more of a network; the vascular tubes, which otherwise fill the interstices of the network, cannot develop anymore, all agents, through which stem-leaves, sepals and petals have expanded into the breadth, cease to fully apply here, and it forms a thinner, highly elementary filament.

63. Kaum daß noch die feinen Häutchen der Staubbeutel gebildet werden, zwischen welchen sich die höchst zarten Gefäße nunmehr endigen. Wenn wir nun annehmen, daß hier eben jene Gefäße, welche sich sonst verlängerten, ausbreiteten und sich einander wieder aufsuchten, gegenwärtig in einem höchst zusammengezogenen Zustande sind; wenn wir aus ihnen nunmehr den höchst ausgebildeten Samenstaub hervordringen sehen, welcher das durch seine Tätigkeit ersetzt, was den Gefäßen, die ihn hervorbringen, an Ausbreitung entzogen ist; wenn er nunmehr losgelöst die weiblichen Teile aufsucht, welche den Staubgefäßen durch gleiche Wirkung der Natur entgegengewachsen sind; wenn er sich fest an sie anhängt, und seine Einflüsse ihnen mitteilt: so sind wir nicht abgeneigt, die Verbindung der beiden Geschlechter eine geistige Anastomose zu nennen, und glauben wenigstens einen Augenblick die Begriffe von Wachstum und Zeugung einander näher gerückt zu haben.

63. Scarcely are the fine membranes of the anthers insomuch yet formed, between which the most tender vessels henceforth terminate.  When we now hypothesize, that here those flush vessels, which otherwise extended themselves, spread out and scouted out one another again, at this stage are in a most shortened status; when we see henceforth the topmost formed pollen pressing forth from them, which replaces that with its occupation, what to the vessels, which bear him*, is withdrawn upon  propagation; henceforth, when 'it', detached, seeks out the feminine parts, which have grown opposite the stamens through the same effect of nature: when 'it' affixes itself to them firmly, and imparts its influences upon them, thus we are not disinclined, to call the association of the two genders a spiritual anastomosis, and believe at the least the concepts of growth and procreation in a moment to have moved over nearer to one another. 

*ihn as a personal pronoun here means 'it', and refers to der Samenstaub, or pollen

64. Die feine Materie, welche sich in den Antheren entwickelt, erscheint uns als ein Staub; diese Staubkügelchen sind aber nur Gefäße, worin höchst feiner Saft aufbewahrt ist. Wir pflichten daher der Meinung derjenigen bei, welche behaupten, daß dieser Saft von den Pistillen, an denen sich die Staubkügelchen anhängen, eingezogen und so die Befruchtung bewirkt werde. Es wird dieses um so wahrscheinlicher, da einige Pflanzen keinen Samenstaub, vielmehr nur eine bloße Feuchtigkeit absondern.

64. The subtle matter which develops in the anthers appears to us as a powder; these powder globules are, however, only hollow-ware, wherein the most subtle sap is stored.  From there we agree with that idea, which we contend, that this sap of the pistils, to which the powder globules affix themselves, is settled in and thus the pollination is effected.  Thus it more probably grows around this, since some plants secrete no pollen, rather only a pure wetness.

(December 28, 2004)

N.B.: 61-64 are presented here as first-draft form for the sake of expediency.  #64 revised 12/29/04 MLS; 61-64 perfected on December 30, 2004  MLS.

65. Wir erinnern uns hier des honigartigen Saftes der Nektarien und dessen wahrscheinlicher Verwandtschaft mit der ausgearbeitetem Feuchtigkeit der Samenbläschen. Vielleicht sind die Nektarien vorbereitende Werkzeuge, vielleicht wird ihre honigartige Feuchtigkeit von den Staubgefäßen eingezogen, mehr determiniert und völlig ausgearbeitet; eine Meinung, die um so wahrscheinlicher wird, da man nach der Befruchtung diesen Saft nicht mehr bemerkt.

65. We remember here of the honey-like sap of the nectaries and whose connection is more probably with the elaborated moisture of  the of the seed vesicles.  Perhaps the nectaries are preparatory tools, perhaps her honey-like moisture is drawn from the stamens, more determinate and completely mapped out: an idea which becomes thus more probable, since this sap is no longer noticed after the fertilization.

66. Wir lassen hier, obgleich nur im Vorbeigehen, nicht unbemerkt, daß sowohl die Staubfäden als Antheren verschiedentlich zusammengewachsen sind und uns die wunderbarsten Beispiele der schon mehrmals von uns angeführten Anastomose und Verbindung der in ihren ersten Anfängen wahrhaft getrennten Pflanzenteile zeigen.

66. We leave here not unnoticeably, although only in passing, that both the filaments and the anthers on various occasions have grown together and present to us the most incredible examples of the anastomosis and combination already repeatedly cited by us of which, disjointed in their first beginnings, reveal veritable plant parts.

(December 30, 2004)

IX. Bildung des Griffels

IX. Formation of the Style

67. War ich bisher bemüht, die innere Identität der verschiedenen, nacheinander entwickelten Pflanzenteile, bei der größten Abweichung der äußern Gestalt, soviel es möglich gewesen, anschaulich zu machen, so wird man leicht vermuten können, daß nunmehr meine Absicht sei, auch die Struktur der weiblichen Teile auf diesem Wege zu erklären.

67. Had I been up to now bestirred as much as possible to render descriptive the inner identity of the different, successively developed plant parts with the greatest deviation of outer form, so one will be able to lightly suppose that henceforth my intent is to explain the structure of the feminine parts in this way.

68. Wir betrachten zuvörderst den Griffel von der Frucht abgesondert, wie wir ihn auch oft in der Natur finden; und um so mehr können wir es tun, da er sich in dieser Gestalt von der Frucht unterschieden zeigt.

68. We regard headmost  the style of the separated fruit, as we find it also often in nature, and in order thus for us to be more able to do it, since it appears distinguished in the conformation of the fruit.

69. Wir bemerken nämlich, daß der Griffel auf eben der Stufe des Wachstums stehe, wo wir die Staubgefäße gefunden haben. Wir konnten nämlich beobachten, daß die Staubgefäße durch eine Zusammenziehung hervorgebracht werden; die Griffel sind oft in demselbigen Falle, und wir sehen sie, wenn auch nicht immer mit den Staubgefäßen von gleichem Maße, doch nur um weniges länger oder kürzer gebildet. In vielen Fällen sieht der Griffel fast einem Staubfaden ohne Anthere gleich, und die Verwandtschaft ihrer Bildung ist äußerlich größer als bei den übrigen Teilen. Da sie nun beiderseits durch Spiralgefäße hervorgebracht werden, so sehen wir desto deutlicher, daß der weibliche Teil so wenig als der männliche ein besonderes Organ sei, und wenn die genaue Verwandtschaft desselben mit dem männlichen uns durch diese Betrachtung recht anschaulich wird, so finden wir jenen Gedanken, die Begattung eine Anastomose, zu nennen, passender und einleuchtender.

69. We notice namely, that the style rises planar to the place of the growth where we have found the stamens.  We could even observe that the stamens are produced through a contraction; the styles are often in the same case, and we see them, if also not always with the stamens from the same matter, formed still only around a little one longer or shorter.  In many cases the style sees almost a filament without anthers forthwith, and the relatedness of her formation is outwardly greater than at the remaining parts.  Since she now  is produced on both sides through spiral vessels, thus we see clearly so much the better, that the feminine part so little as the masculine is a special organ, and when the exact relationship of the same with the masculine becomes quite clear to us through this inspection, thus we find that idea, to call the mating an anastomosis, suitable and perspicuous.

70. Wir finden den Griffel sehr oft aus mehreren einzelnen Griffeln zusammengewachsen, und die Teile, aus denen er besteht, lassen sie kaum am Ende, wo sie nicht einmal immer getrennt sind, erkennen. Dieses Zusammenwachsen, dessen Wirkung wir schon öfters bemerkt haben, wird hier am meisten möglich; ja es muß geschehen, weil die feinen Teile vor ihrer gänzlichen Entwicklung in der Mitte des Blütenstandes zusammengedrängt sind und sich auf das innigste miteinander verbinden können.

70. We find the style very often coadunate from several single styles, and the parts, which it comprises, allow them scarcely  to recognize at the termination, where they not even ever are discrete.  This coadunation, whose effect we ahve already oftentimes observed, becomes here greatly possible; it must come to pass, since the subtle parts of her entire development are crowded in the center of the inflorescence and can bind themselves together at the inmost. 

(December 30, 2004 & January 3, 2005)

71. Die nahe Verwandtschaft mit den vorhergehenden Teilen des Blütenstandes zeigt uns die Natur in verschiedenen regelmäßigen Fällen mehr oder weniger deutlich. So ist zum Beispiel das Pistill der Iris mit seiner Narbe in völliger Gestalt eines Blumenblattes vor unsern Augen. Die schirmförmige Narbe der Sarracenie zeigt sich zwar nicht so auffallend aus mehreren Blättern zusammengesetzt, doch verleugnet sie sogar die grüne Farbe nicht. Wollen wir das Mikroskop zu Hilfe nehmen, so finden wir mehrere Narben, zum Exempel des Krokus, der Zanichella, als völlige ein- oder mehrblätterige Kelche gebildet.

71. The contiguous relatedness of the inflorescence with the preceding parts exhibits more or less manifestly for us the nature in varied, regular cases.  Thus is before our eyes, for example, the pistil of the iris with its stigma in complete form of a petal.  The umbrella form of the stigma of the Sarracenia comprised of several leaves appears indeed not so conspicuous; it yet, however, denies not the green color.  If we want to make use of the microscope, thus we find several stigmas, for example, the Crocus, the Zanichella, formed as complete ones or multi-leaved calyces.         

sarracenia.jpg (80071 bytes)

Sarracenia L. (pitcher plant)        Zannichellia palustris L. (horned pondweed)  [Drawing © 2005 MLStark

Thumbnails lead to enlargement in separate window.  

Photo credit:  USDA, NRCS. 2004. The PLANTS Database, Version 3.5 (http://plants.usda.gov). National Plant Data Center, Baton Rouge, LA 70874-4490 USA. 

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72. Rückschreitend zeigt uns die Natur öfters den Fall, daß sie die Griffel und Narben wieder in Blumenblätter verwandelt; zum Beispiel füllt sich der Ranunculus asiaticus dadurch, daß sich die Narben und Pistille des Fruchtbehälters zu wahren Kronenblättern umbilden, indessen die Staubwerkzeuge, gleich hinter der Krone, oft unverändert gefunden werden. Einige andere bedeutende Fälle werden unten vorkommen.

72. The nature reveals to us from time to time retrogressively the case, that the style and stigma metamorphose again into petals; for example, the Ranunculus asiaticus fills itself out thereby, that the stigmas and pistils of the fruit receptacles reshape themselves to preserve the petals, meanwhile the stamens, right behind the corolla, often are found unaltered.  Some other significant cases will be found below.

73. Wir wiederholen hier jene oben angezeigten Bemerkungen, daß Griffel und Staubfäden auf der gleichen Stufe des Wachstums stehen, und erläutern jenen Grund des wechselsweisen Ausdehnens und Zusammenziehens dadurch abermals. Vorn Samen bis zu der höchsten Entwicklung des Stengelblattes bemerkten wir zuerst eine Ausdehnung, darauf sahen wir durch eine Zusammenziehung den Kelch entstehen, die Blumenblätter durch eine Ausdehnung, die Geschlechtsteile abermals durch eine Zusammenziehung; und wir werden nun bald die größte Ausdehnung in der Frucht, und die größte Konzentration in dem Samen gewahr werden. In diesen sechs Schritten vollendet die Natur unaufhaltsam das ewige Werk der Fortpflanzung der Vegetabilien durch zwei Geschlechter.

73. We repeat here those above-indicated remarks, that the style and filaments bear out the same degree of growth, and elucidate that cause of the alternating expansion and contraction thereby again.  Before the seed up to the greatest development of the stem leaves we observed at first an expansion; after that we saw a contraction by the calyx come into being, the petals through an expansion, the sexual parts again through a contraction; and soon we became aware now of the greatest expansion in the fruit, and the greatest concentration in the seed.  In these six steps nature completes inexorably the perennial work of the reproduction of the vegetation through the two sexes.   

(January 3 & 8,  2004)

X. Von den Früchten

X. From the Fruit

74. Wir werden nunmehr die Früchte zu beobachten haben, und uns bald überzeugen, daß dieselben gleichen Ursprungs und gleichen Gesetzen unterworfen seien. Wir reden hier eigentlich von solchen Gehäusen, welche die Natur bildet, um die sogenannten bedeckten Samen einzuschließen, oder vielmehr aus dem Innersten dieser Gehäuse durch die Begattung eine größere oder geringere Anzahl Samen zu entwickeln. Daß diese Behältnisse gleichfalls aus der Natur und Organisation der bisher betrachteten Teile zu erklären seien, wird sich mit wenigem zeigen lassen.

74. We will have to now observe the fruits, and satisfy ourselves forthwith that the same are subject to identical origin and identical laws.  We speak here actually of such casings which nature forms in order to enclose the so-called covered seeds, or in fact to develop a greater or lesser number of seeds from the inside of these casings through the mating.  That these repositories likewise can be explained from the nature and organization of the parts observed so far will be able to be demonstrated with a few. 

(January 11 & 12, 2005)

75. Die rückschreitende Metamorphose macht uns hier abermals auf dieses Naturgesetz aufmerksam. So läßt sich zum Beispiel an den Nelken, diesen eben wegen ihrer Ausartung so bekannten und beliebten Blumen, oft bemerken, daß die Samenkapseln sich wieder in kelchähnliche Blätter verändern, und daß in eben diesem Maße die aufgesetzten Griffel an Länge abnehmen; ja es finden sich Nelken, an denen sich das Fruchtbehältnis in einen wirklichen vollkommenen Kelch verwandelt hat, indes die Einschnitte desselben an der Spitze noch zarte Überbleibsel der Griffel und Narben tragen, und sich aus dem Innersten dieses zweiten Kelches wieder eine mehr oder weniger vollständige Blätterkrone statt der Samen entwickelt.

75. Here the retrogressive metamorphosis again makes us call attention to this physical law.  Thus, for example, it is often noticed about the carnations, these so known and favorite flowers due just to their propagation,  that the seed capsules alter again into leaves resembling sepals, and that to even this degree the attached styles decrease in length; yes, carnations are to be found, in which the fruit repository has metamorphosed into an actual, complete calyx; however, the incisions of the same bear at the tip yet tender vestiges of the stigma and style, and re-develop from the inside of this second calyx a more or less complete crown in place of the seeds.

(January 12 & 13, 2005)

76. Ferner hat uns die Natur selbst durch regelmäßige und beständige Bildungen auf eine sehr mannigfaltige Weise die Fruchtbarkeit geoffenbart, welche in einem Blatt verborgen liegt. So bringt ein zwar verändertes, doch noch völlig kenntliches Blatt der Linde aus seiner Mittelrippe ein Stielchen und an demselben eine vollkommene Blüte und Frucht hervor. Bei dem Ruscus ist die Art, wie Blüten und Früchte auf den Blättern aufsitzen, noch merkwürdiger.

76. Further, nature has even revealed to us through regular and continual conformations in a very diverse way the fertility which lies latent in a leaf.  To be sure, an altered, yet still not completely recognizable leaf of the lime tree so produces from its middle ridge* a pedicel and at the same a complete blossom and fruit.  With the Ruscus** is the species still more peculiar, as flowers and fruits mount upon the leaves.   

*center vein

**of the family Ruscaceae, e.g., Ruscus hypoglossum L.

77. Noch stärker und gleichsam ungeheuer wird uns die unmittelbare Fruchtbarkeit der Stengelblätter in den Farrenkräutern vor Augen gelegt, welche durch einen innern Trieb, und vielleicht gar ohne bestimmte Wirkung zweier Geschlechter, unzählige, des Wachstums fähige Samen oder vielmehr Keime entwickeln und umherstreuen, wo also ein Blatt an Fruchtbarkeit mit einer ausgebreiteten Pflanze, mit einem großen und ästereichen Baume wetteifert.

77. Still more vigorous and effectively immense is the direct fertility of the stem-leaves in the ferns placed before eyes for us, that by means of an inner shoot and perhaps even without destined effect of the two sexes, countless seeds capable of the growth, or in fact sprouts, develop and scatter, where, therefore, a leaf competes with an outspread plant to fertility with a great and richly branched tree.

(Jamuary 13 & 14, 2005)

78. Wenn wir diese Beobachtungen gegenwärtig behalten, so werden wir in den Samenbehältern, ungeachtet ihrer mannigfaltigen Bildung, ihrer besonderen Bestimmung und Verbindung unter sich, die Blattgestalt nicht verkennen. So wäre zum Beispiel die Hülse ein einfaches, zusammengeschlagenes, an seinen Rändern verwachsenes Blatt, die Schoten würden aus mehr übereinander gewachsenen Blättern bestehen, die zusammengesetzten Gehäuse erklärten sich aus mehreren Blättern, welche sich um einen Mittelpunkt vereinigt, ihr Innerstes gegeneinander aufgeschlossen, und ihre Ränder miteinander verbunden hätten. Wir können uns hiervon durch den Augenschein überzeugen, wenn solche zusammengesetzte Kapseln nach der Reife voneinanderspringen, da denn jeder Teil derselben sich uns als eine eröffnete Hülse oder Schote zeigt. Ebenso sehen wir bei verschiedenen Arten eines und desselben Geschlechts eine ähnliche Wirkung regelmäßig vorgehen; zum Beispiel sind die Fruchtkapseln der Nigella orientalis in der Gestalt von halb miteinander verwachsenen Hülsen um eine Achse versammelt, wenn sie bei der Nigella damascena völlig zusammengewachsen erscheinen.

78. If we ourselves retain these present observations, thus will we not mistake the leaf-form in the seed cases, notwithstanding its diversified formation, its specific determination and connection below.  Thus would be the pod, for example, a one simple leaf, having been struck together, connate at its margins; the hulls would consist of more leaves put forth one on top of the other; the compound casings avow themselves to several leaves, which merge around a center point, its inside opened as against each other, and its margins would have joined with one another.  We can persuade herein through the inspection, when such capsules pieced together go to ripeness interdependently, there because each one appears to us to be the same part as an opened up pod or hull.  Similarly, we see in different species one, and a similar effect of the same gender regularly proceeds; for example, the seed vessels of the Nigella orientalis are assembled in the shape from pods half grown together with one another around an axis, when they seem completely grown together on the Nigella damascena.

79. Am meisten rückt uns die Natur diese Blattähnlichkeit aus den Augen, indem sie saftige und weiche oder holzartige und feste Samenbehälter bildet; allein sie wird unserer Aufmerksamkeit nicht entschlüpfen können, wenn wir ihr in allen Übergängen sorgfältig zu folgen wissen. Hier sei es genug, den allgemeinen Begriff davon angezeigt und die Übereinstimmung der Natur an einigen Beispielen gewiesen zu haben. Die große Mannigfaltigkeit der Samenkapseln gibt uns künftig Stoff zu mehrerer Betrachtung.

79. Mostly nature moves for us this leaf-resemblance from the eyes, while she forms juicy and soft or wood-like seed cases; alone will she not be able to slip away from our attention, if we know to follow her carefully in all changes.  Here it would be enough to attract the general concept from this and to have the consonance of nature in known examples.  The great diversity of the seed capsules renders us subject matter for the future for diverse observation.

(January 15, 2005)

80. Die Verwandtschaft der Samenkapseln mit den vorhergehenden Teilen zeigt sich auch durch das Stigma, welches bei vielen unmittelbar aufsitzt und mit der Kapsel unzertrennlich verbunden ist. Wir haben die Verwandtschaft der Narbe mit der Blattgestalt schon oben gezeigt und können hier sie nochmals aufführen, indem sich bei gefüllten Mohnen bemerken läßt, daß die Narben der Samenkapseln in farbige, zarte, Kronenblättern völlig ähnliche Blättchen verwandelt werden.

80. The relatedness of the seed capsules with the preceding parts appears also through the stigma, which mounts upon many directly, and is bonded inseparably with the capsule.  We have already shown above  the relatedness of the style with the form of the leaf,  and can here give mention it again, while it can be observed on filled poppies that the styles of the seed capsules are metamorphosed into colored, tender petals completely similar to leaflets.

(January 15, 2005)

81. Die letzte und größte Ausdehnung, welche die Pflanze in ihrem Wachstum vornimmt, zeigt sich in der Frucht. Sie ist sowohl an innerer Kraft als äußerer Gestalt oft sehr groß, ja ungeheuer. Da sie gewöhnlich nach der Befruchtung vor sich geht, so scheint der nun mehr determinierte Same, indem er zu seinem Wachstum aus der ganzen Pflanze die Säfte herbeizieht, ihnen die Hauptrichtung nach der Samenkapsel zu geben, wodurch denn ihre Gefäße genährt, erweitert und oft in dem höchsten Grade ausgefüllt und ausgespannt werden. Daß hieran reinere Luftarten einen großen Anteil haben, läßt sich schon aus dem Vorigen schließen, und es bestätigt sich durch die Erfahrung, daß die aufgetriebenen Hülsen der Colutea reine Luft enthalten.

81. The last and greatest expansion which the plant in her growth carries out appears in the fruit.  She is often both in inner verdure and outer shape very great, yea, immense.  Since she normally proceeds after the pollination, thus the now more determined seed seems to give, by attracting the juices to its growth from the whole plant, the main direction according to the seed vessel, whereby because (it) approaches its vessels, is expanded and is often in the greatest degree filled out and unhitched.  That fact on this that the more pure kinds of air have a great participation, can be concluded already from the previous one, and it proves true through the experience, that the swollen pods of the Colutea contain pure air.   

(January 15, 2005)

XI. Von den unmittelbaren Hüllen des Samens

XI. Of the Immediate Seedcoats

82. Dagegen finden wir, daß der Same in dem höchsten Grade von Zusammenziehung und Ausbildung seines Innern sich befindet. Es läßt sich bei verschiedenen Samen bemerken, daß er Blätter zu seinen nächsten Hüllen umbilde, mehr oder weniger sich anpasse, ja meistens durch seine Gewalt sie völlig an sich schließe und ihre Gestalt gänzlich verwandle. Da wir oben mehrere Samen sich aus und in einem Blatt entwickeln gesehn, so werden wir uns nicht wundern, wenn ein einzelner Samenkeim sich in eine Blatthülle kleidet.

82. In contrast, we find that the seed is provided in the highest degree by contraction and development of its inside.  It can be noted with different seeds that it reshapes leaves to their nearest coats, more or less conforms, attaches itself to them completely mostly through its force, and metamorphoses totally its shape.  Since we above saw several seeds develop from and in a leaf, so will we not wonder if a single seed germ dresses in a leaf cover. 

(January 16, 2005)

83. Die Spuren solcher nicht völlig den Samen angepaßten Blattgestalten sehen wir an vielen geflügelten Samen, zum Beispiel des Ahorns, der Rüster, der Esche, der Birke. Ein sehr merkwürdiges Beispiel, wie der Samenkeim breitere Hüllen nach und nach zusammenzieht und sich anpaßt, geben uns die drei verschiedenen Kreise verschieden gestalteter Samen der Kalendel. Der äußerste Kreis behält noch eine mit den Kelchblättern verwandte Gestalt, nur daß eine die Rippe ausdehnende Samenanlage das Blatt krümmt, und die Krümmung inwendig der Länge nach durch ein Häutchen in zwei Teile abgesondert wird. Der folgende Kreis hat sich schon mehr verändert, die Breite des Blättchens und das Häutchen haben sich gänzlich verloren; dagegen ist die Gestalt etwas weniger verlängert, die in dem Rücken befindliche Samenanlage zeigt sich deutlicher und die kleinen Erhöhungen auf derselben sind stärker; diese beiden Reihen scheinen entweder gar nicht oder nur unvollkommen befruchtet zu sein. Auf sie folgt die dritte Samenreihe in ihrer echten Gestalt, stark gekrümmt, und mit einem völlig angepassten, und in allen seinen Striefen und Erhöhungen völlig ausgebildeten Involucro. Wir sehen hier abermals eine gewaltsame Zusammenziehung ausgebreiteter blattähnlicher Teile, und zwar durch die innere Kraft des Samens, wie wir oben durch die Kraft der Anthere das Blumenblatt zusammengezogen gesehen haben.

83. We see the vestiges of such leaf conformations not fully modulated to the seeds on many pterate seeds, for example, of the maple, the elm tree, the ash tree, the birch tree.   As the seed germ concentrates wider coats bit-by-bit and conforms, the three different circles give us seeds of differently formed Kalendel, a very remarkable example.  The outermost circle still keeps hold of the connate conformation with the sepals, only that an ovule expanding the ridge bends the leaf, and the bending is separated along in two parts through a membrane inside.  The successional circle has already altered more, the breadth of the leaflets and the membrane have lost themselves totally;  on the contrary is the form somewhat less elongated, the ovule located on the back appears more obvious and the small ridges on the same are stronger; both of these rows seem to be either not at all or only incompletely fertilized.  Upon them follows the third seed row in its proper shape, strongly curved, and with a fully adapted involucrum, fully cultivated in all its fine lines and ridges.  We see here again a forcible contraction of outspread parts similar to leaves, and namely through the inner power of the seed, we have seen how the petal contracted on top through the power of the anthers.

(January 20, 22 & 29, 2005) 

Acer pensylvanicum L. (striped maple)   

 Photo credit:  USDA, NRCS. 2004. The PLANTS Database, Version 3.5 (http://plants.usda.gov). National Plant Data Center, Baton Rouge, LA 70874-4490 USA.  (Thumbnail leads to full-size photo.)     Back to Index

Soon to be here included: botanical drawings of maple.

(January 17, 2005)

XII. Rückblick und Übergang

XII. Review and Transition

84. Und so wären wir der Natur auf ihren Schritten so bedachtsam als möglich gefolgt; wir hätten die äußere Gestalt der Pflanze in allen ihren Umwandlungen, von ihrer Entwicklung aus dem Samenkorn bis zur neuen Bildung desselben begleitet, und ohne Anmaßung, die ersten Triebfedern der Naturwirkungen entdecken zu wollen, auf Äußerung der Kräfte, durch welche die Pflanze ein und ebendasselbe Organ nach und nach umbildet, unsre Aufmerksamkeit gerichtet. Um den einmal ergriffenen Faden nicht zu verlassen, haben wir die Pflanze durchgehende nur als einjährig betrachtet, wir haben nur die Umwandlung der Blätter, welche die Knoten begleiten, bemerkt, und alle Gestalten aus ihnen hergeleitet. Allein es wird, um diesem Versuch die nötige Vollständigkeit zu geben, nunmehr noch nötig, von den Augen zu sprechen, welche unter jedem Blatt verborgen liegen, sich unter gewissen Umständen entwickeln, und unter andern völlig zu verschwinden scheinen.

84. And thus, as deliberate as possible, had we followed her steps of nature; we had seen the outer shape of the plant in all its transmutations by its development from the grain up to the new formation of the same, and without wanting to discover arrogance, the first mainsprings of the effects of nature.  Our attention was focused upon the expression of the powers through which the plant reshapes one and even the same organ bit-by-bit.  In order not to lose the once adopted thread, we have observed the continuous plant only as an annual, we have noticed the transmutation only of the leaves, which the nodes attend, and all shapes derived from them.  In order to give this experiment the required completeness, however, it becomes henceforward yet necessary to speak of the eyes, which lie hidden under each leaf, develop under certain circumstances, and seem to disappear completely under others.

(February 7- 9, 2005)

XIII. Von den Augen und ihrer Entwicklung

XIII. Of the Eyes and Their Development

85. Jeder Knoten hat von der Natur die Kraft, ein oder mehrere Augen hervorzubringen; und zwar geschieht solches in der Nähe der ihn begleitenden Blätter, welche die Bildung und das Wachstum der Augen vorzubereiten und mit zu bewirken scheinen.

85. Each node has the power from nature to produce one or several eyes; and, indeed, such happens in the vicinity of the leaves accompanying it, which the formation and the growth of the eyes seem to arrange and to effect therewith.

(February 2, 2005)

86. In der sukzessiven Entwicklung eines Knotens aus dem andern, in der Bildung eines Blattes an jedem Knoten und eines Auges in dessen Nähe, beruht die erste, einfache, langsam fortschreitende Fortpflanzung der Vegetabilien.

86. In the successive development of a node from the other, in the creation of a leaf at each node and in its vicinity of an eye, is based the first simple, slowly progressive propagation of the vegetation.

(February 2, 2005)

87. Es ist bekannt, dass ein solches Auge in seinen Wirkungen eine große Ähnlichkeit mit dem reifen Samen hat und daß oft in jenem noch mehr als in diesem die ganze Gestalt der künftigen Pflanze erkannt werden kann.

87. It is known that such an eye in its effect has a great similarity with the mature seed, and that often in that yet more than in this can the entire shape of the future plant can be recognized.

(February 1, 2005)

88. Ob sich gleich an dem Auge ein Wurzelpunkt so leicht nicht bemerken läßt, so ist doch derselbe ebenso darin wie in dem Samen gegenwärtig und entwickelt sich, besonders durch feuchte Einflüsse, leicht und schnell.

88. If forthwith a root point at the eye can not be so easily observed, so is the same nevertheless present also therein as in the seed, and it develops easily and quickly especially through the moist influences.

(February 2, 2005)

89. Das Auge bedarf keiner Kotyledonen, weil es mit seiner schon völlig organisierten Mutterpflanze zusammenhängt, und aus derselbigen, solange es mit ihr verbunden ist, oder, nach der Trennung, von der neuen Pflanze, auf welche man es gebracht hat, oder durch die alsobald gebildeten Wurzeln, wenn man einen Zweig in die Erde bringt, hinreichende Nahrung erhält.

89. The eye needs no cotyledons, because it is related to its already fully organized mother plant, and receives sufficient nutrition from the same as long as it is connected to her; or, after the severance of the new plant from which it is yielded, or through the thus soon formed roots, when a sector is brought into the earth.

(February 21, 2005)

90. Das Auge besteht aus mehr oder weniger entwickelten Knoten und Blättern, welche den künftigen Wachstum weiter verbreiten sollen. Die Seitenzweige also, welche aus den Knoten der Pflanzen entspringen, lassen sich als besondere Pflänzchen, welche ebenso auf dem Mutterkörper stehen wie dieser an der Erde befestigt ist, betrachten.

90. The eye consists of more or less developed nodes and leaves which should spread further the future growth.  The side branches, therefore, which arise out of the nodes of the plants can be observed as special little plants, which arise also from the mother plant, as this one is fixed in the earth.

(February 2, 2005)

91. Die Vergleichung und Unterscheidung beider ist schon öfters, besonders aber vor kurzem so scharfsinnig und mit so vieler Genauigkeit ausgeführt worden, daß wir uns hier bloß mit einem unbedingten Beifall darauf berufen können. (*Gärtner, De fructibus et seminibus plantarum. Cap. 1.)

91. The comparison and differentiation of both, however, have repeatedly been explicated having so sharp a mind, especially recently, and with so much exactitude, that we can rely purely thereupon with an unconditional approval here. (Gärtner, Concerning Fruits and Seeds of the Plants. Cap.1) 

(February 4, 2005)  

92. Wir führen davon nur so viel an. Die Natur unterscheidet bei ausgebildeten Pflanzen Augen und Samen deutlich voneinander. Steigen wir aber von da zu den unausgebildeten Pflanzen herab, so scheint sich der Unterschied zwischen beiden selbst vor den Blicken des schärfsten Beobachters zu verlieren. Es gibt unbezweifelte Samen, unbezweifelte Gemmen*; aber der Punkt, wo wirklich befruchtete, durch die Wirkung zweier Geschlechter von der Mutterpflanze isolierte Samen mit Gemmen zusammentreffen, welche aus der Pflanze nur hervordringen und sich ohne bemerkbare Ursache loslösen ist wohl mit dem Verstande, keineswegs aber mit den Sinnen zu erkennen.

92. So do we adduce from this so much.  Nature differentiates on many developed plants eyes and seeds distinct from one another.  We, however, descend from there to the undeveloped plants; thus the difference between the two themselves seem to trail off before the looks of the keenest observers.  There are undoubtable seeds, undoubtable brood bodies, but the point where the actual isolated seed, fertilized through the effect of the two genders from the mother plant, meet with the brood bodies*, which only come out of the plant and detach themselves without perceivable cause, is probably with reason, however, can in no way be recognized with the senses.

*Gemmen: derives from the Latin verb gemmare, to bud; the Latin noun gemma, -ae is the bud or eye of a plant (Cassell's New Latin Dictionary). 

The term  Gemme translates from German as gemma, or as a brood body, which is a generalized term for a relatively undifferentiated, specialized reproductive structure in vegetative reproduction.  (Examples of brood bodies are leaves, reduced buds, or branches, or plant fragments, called propagules.  The term today would refer typically to structures found, for example, in bryophytes, which do not have flowers, and therefore do not produce seeds.  They are also found in the vascular plant division of the ferns, or filicophyta, where the filamentous gemmae break off to be carried some distance from the mother plant by agents such as wind or water droplets, so that new territory can be gained for propagation, even if vegetative propagation.  Therefore, the terminology used in Goethe's time must be regarded as specific to the body of knowledge concurrent with its own time, and which reflects the early origins of knowledge through the words of Latin.)  Gemmae can be described as small, septate bodies occurring in various possible shapes, from globose to filamentous.  See pictures below. The  definition of gemmae from http://www.mobot.org/MOBOT/tropicos/most /Glossary/glosefr.html is as follows:  

uni- or multicellular, filamentous, globose, ellipsoidal, cylindrical, stellate or discoid brood bodies, relatively undifferentiated, serving in vegetative reproduction (cf. brood body)

Another German word for brood body, also seen as brood bud, is Brutknospe, comprised of the words die Brut, meaning offspring, and die Knospe, meaning bud or eye.

(February 2, 2005)

gemma-cup.jpg (19298 bytes) Picture of a gemma within a gemma-cup (Lunularia)  Thumbnail leads to new window with full-sized photo.  Photo credit to :  Curtis Clark
http://www.csupomona.edu/~jcclark/classes/bot125/resource/index.html

gemme.jpg (24096 bytes)Picture of gemmae in thumbnail.  See further with a click.    

 Picture credit to: 

GLOSSARIUM POLYGLOTTUM BRYOLOGIAE: A multilingual glossary for bryology: http://www.mobot.org/MOBOT/tropicos/most/Glossary/glosefr.html

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(February 2, 2005)

93. Dieses wohl erwogen, werden wir folgern dürfen, daß die Samen, welche sich durch ihren eingeschlossenen Zustand von den Augen, durch die sichtbare Ursache ihrer Bildung und Absonderung von den Gemmen unterscheiden, dennoch mit beiden nahe verwandt sind.

93. This pondered well, will we be allowed to deduce that the seeds, which through their encased status are different from the eyes, through the observable cause of their formation and dissociation by the gemmae, nevertheless are connate with the two contiguous.

XIV. Bildung der Zusammengesetzten Blüten und Fruchtstände

XIV. Formation of the Compound Flowers and Syconia

94. Wir haben bisher die einfachen Blütenstände ingleichen die Samen, welche in Kapseln befestigt hervorgebracht werden, durch die Umwandlung der Knotenblätter zu erklären gesucht, und es wird sich bei näherer Untersuchung finden, daß in diesem Falle sich keine Augen entwickeln, vielmehr die Möglichkeit einer solchen Entwicklung ganz und gar aufgehoben wird. Um aber die zusammengesetzten Blütenstände sowohl als die gemeinschaftlichen Fruchtstände, uni einen Kegel, eine Spindel, auf einem Boden, und so weiter zu erklären, müssen wir nun die Entwicklung der Augen zu Hülfe nehmen.

94. We have up to now sought to explain the basic inflorescences to the extent of the seeds, which are produced fixed to capsules, through the transmutation of the nodal leaves; and it will be found with closer scrutiny that in this case no eyes develop, rather the potentiality of one such development becomes totally reversed.  However, we must now take the development of the eyes towards help in explaining the composite inflorescences, as well as the collaborative syconia, a uni-colored cone, a spindle at a base, and so forth.

(February 21 & April 24 & 26, 2005)

95. Wir bemerken sehr oft, daß Stengel, ohne zu einem einzelnen Blütenstande sich lange vorzubereiten und aufzusparen, schon aus den Knoten ihre Blüten hervortreiben, und so bis an ihre Spitze oft ununterbrochen fortfahren. Doch lassen sich die dabei vorkommenden Erscheinungen aus der oben vorgetragenen Theorie erklären. Alle Blumen, welche sich aus den Augen entwickeln, sind als ganze Pflanzen anzusehen, welche auf der Mutterpflanze ebenso wie diese auf der Erde stehen. Da sie nun aus den Knoten reinere Säfte erhalten, so erscheinen selbst die ersten Blätter der Zweiglein viel ausgebildeter als die ersten Blätter der Mutterpflanze, welche auf die Kotyledonen folgen; ja es wird die Ausbildung des Kelches und der Blume oft sogleich möglich.

95. We observe very often that stems yet drive forth their blossoms from the nodes without preparing themselves for a long time and conserving for a single inflorescence, and thus often continue uninterrupted up to their tips.  However, the nearby occurring appearances can be explained from the above-recited theory.  All flowers, which develop from the eyes, are to be considered as total plants which stand on the mother plant, even as this one upon the earth.  There they now receive more refined saps from the nodes; thus, the first leaves of the little sprouts seem themselves to be much more developed than the first leaves of the mother plant, which follow the cotyledons; forsooth, the development of the calyx and of the flower becomes often immediately contingent. 

(February 23 & 24 & April 24, 2005)

96. Eben diese aus den Augen sich bildenden Blüten würden, bei mehr zudringender Nahrung, Zweige geworden sein und das Schicksal des Mutterstengels, dem er sich unter solchen Umständen unterwerfen müßte, gleichfalls erduldet haben.

96. Even these forming blossoms would have grown sprigs from the eyes themselves with more invasive nutrition, and likewise would have suffered the destiny of the mother stalk, to which it would have to submit under such conditions.

(February 23 & April 26, 2005)

97. So wie nun von Knoten zu Knoten sich dergleichen Blüten entwickeln, so bemerken wir gleichfalls jene Veränderung der Stengelblätter, die wir oben bei dem langsamen Übergange zum Kelch beobachtet haben. Sie ziehen sich immer mehr und mehr zusammen, und verschwinden endlich beinahe ganz. Man nennt sie alsdann Bracteas, indem sie sich von der Blattgestalt mehr oder weniger entfernen. In eben diesem Maße wird der Stiel verdünnt, die Knoten rücken mehr zusammen, und alle oben bemerkten Erscheinungen gehen vor, nur daß am Ende des Stengels kein entschiedener Blütenstand folgt, weil die Natur ihr Recht schon von Auge zu Auge ausgeübt hat.

97. So as now such blossoms develop from node to node, thus we observe likewise that changing of the stem-leaves, which we have observed above with the slow-going transition to the calyx.  They contract always more and more, and eventually all but disappear.  Thereupon they are called bracts, since they depart more or less from the leaf form.  Into just this size is the peduncle attenuated.  The nodes move more together, and all the above-noted appearances proceed, only that no definitive inflorescence follows at the end of the stem, since nature has carried out her authorization yet from eye to eye.

(February 26 & 28, & April 25, 2005)

98. Haben wir nun einen solchen an jedem Knoten mit einer Blume gezierten Stengel wohl betrachtet, so werden wir uns gar bald einen gemeinschaftlichen Blütenstand erklären können: wenn wir das, was oben von Entstehung des Kelches gesagt ist, mit zu Hülfe nehmen.

98. If we now have observed well one such stem adorned with a flower at each node, thus will we be able to avow ourselves presently to a conjoint  inflorescence: if we take with that as assistance which is stated above of the genesis of the calyx.

(February 26 & 28 & April 24 & 26, 2005)

99. Die Natur bildet einen gemeinschaftlichen Kelch aus vielen Blättern, welche sie aufeinander drängt und um eine Achse versammelt; mit eben diesem starken Triebe des Wachstums entwickelt sie einen gleichsam unendlichen Stengel, mit allen seinen Augen in Blütengestalt, auf einmal, in der möglichsten aneinander gedrängten Nähe, und jedes Blümchen befruchtet das unter ihm schon vorbereitete Samengefäß. Bei dieser ungeheuren Zusammenziehung verlieren sich die Knotenblätter nicht immer; bei den Disteln begleitet das Blättchen getreulich das Blümchen, das sich aus den Augen neben ihnen entwickelt. Man vergleiche mit diesem Paragraph die Gestalt des Dipsacus laciniatus. Bei vielen Gräsern wird eine jede Blüte durch ein solches Blättchen, das in diesem Falle der Balg genannt wird, begleitet.

99. Nature forms a common calyx from many leaves, which push on each other and gather around an axis; now with this strong drive of growth she develops simultaneously an endless stalk with all its eyes in flower-shape, all at once pressed together in the most contingent proximity, and each little flower pollinates under it the already prepared seed vessel.  With this enormous concentration the shoot leaves do not always trail away; at the thistles the little leaf accompanies faithfully the small flower, which develops next to it from the eyes.  This section is compared to the shape of the Dispacus laciniatus.  With many grasses every flower is accompanied by such a small leaf , which in this case is called the follicle.     

(February 28 & March 3, 2005)

100. Auf diese Weise wird es uns nun anschaulich sein, wie die um einen gemeinsamen Blütenstand entwickelten Samen, wahre, durch die Wirkung beider Geschlechter ausgebildete und entwickelte Augen seien. Fassen wir diesen Begriff fest, und betrachten in diesem Sinne mehrere Pflanzen, ihren Wachstum und Fruchtstände, so wird der Augenschein bei einiger Vergleichung uns am besten überzeugen.

100. Now in this way it will be clear to us as the seeds, developed around a common inflorescence, would be genuine eyes, designed and develped through the effects of both sexes.  If we grasp this concept firmly, and observe in this sense several plants, their growth and syconia, thus will the appearance with some collation persuade us the best.  

(March 3 & April 12, 2005)

101. Es wird uns sodann auch nicht schwer sein, den Fruchtstand der in der Mitte einer einzelnen Blume, oft um eine Spindel versammelten, bedeckten oder unbedeckten Samen zu erklären. Denn es ist ganz einerlei, ob eine einzelne Blume einen gemeinsamen Fruchtstand umgibt, und die zusammengewachsenen Pistille von den Antheren der Blume die Zeugungssäfte einsaugen und sie den Samenkörnern einflößen, oder ob ein jedes Samenkorn sein eignes Pistill, seine eigenen Antheren, seine eigenen Kronenblätter um sich habe.

101.  Then it will also not be difficult for us to explain the syconium of covered or uncovered seeds in the middle of a single flower, often gathered around a spindle.  Since it is completely the same, whether a single flower enlaces a common syconium, and the coalesced pistils absorb the procreation saps of the anthers of the flower and they infuse the grains; or whether any one grain would possess its own pistil, its own anthers, its own petals. 

(March 3 & April 13, 2005)

102. Wir sind überzeugt, daß mit einiger Übung es nicht schwer sei, sich auf diesem Wege die mannigfaltigen Gestalten der Blumen und Früchte zu erklären; nur wird freilich dazu erfordert, daß man mit jenen oben festgestellten Begriffen der Ausdehnung und Zusammenziehung, der Zusammendrängung und Anastomose, wie mit algebraischen Formeln bequem zu operieren, und sie da, wo sie hingehören, anzuwenden wisse. Da nun hierbei viel darauf ankommt, daß man die verschiedenen Stufen, welche die Natur sowohl in der Bildung der Geschlechter, der Arten, der Varietäten, als in dem Wachstum einer jeden einzelnen Pflanze betritt, genau beobachte und miteinander vergleiche - so würde eine Sammlung Abbildungen zu diesem Endzwecke nebeneinander gestellt, und eine Anwendung der botanischen Terminologie auf die verschiedenen Pflanzenteile bloß in dieser Rücksicht, angenehm und nicht ohne Nutzen sein. Es würden zwei Fälle von durchgewachsenen ebenen, welche der oben angeführten Theorie sehr zustatten kommen, den Augen vorgelegt, sehr entscheidend gefunden werden.

102. We are persuaded that with some practice it is not difficult to avouch in this way the manifold shapes of the flowers and fruits; only is it thereto required certainly, that one would know to apply with those above-established concepts of the expansion and contraction, of the compression and anastomosis,  how to operate comfortably with algebraic formulae, and they there, where they belong.  Since now at this juncture much depends upon the various stages being observed exactly and compared one to the other, which stages nature enters both in the formation of the genders, the kinds, the varieties, and in the growth of each individual plant -- so would an assemblage of pictures juxtaposed for this end in itself, and implementation of the botanical terminology on the various parts of plants, be suitable and not without use purely in this consideration.  There would be found very decisively two cases of ones grown level, permitted well  by the above-mentioned theory, which propounds before the eyes. 

(March 3, April 29 & May 2, 2005)

XV. Durchgewachsene Rose

XV. Grown Rose

(March 3, 2005)

103. Alles, was wir bisher nur mit der Einbildungskraft und dem Verstande zu ergreifen gesucht, zeigt uns das Beispiel einer durchgewachsenen Rose auf das deutlichste. Kelch und Krone sind um die Achse geordnet und entwickelt, anstatt aber, daß nun im Zentrum das Samenbehältnis zusammengezogen, an demselben und um dasselbe die männlichen und weiblichen Zeugungsteile geordnet sein sollten, begibt sich der Stiel halb rötlich halb grünlich wieder in die Höhe; kleinere dunkelrote, zusammengefaltete Kronenblätter, deren einige die Spur der Antheren an sich tragen, entwickeln sich sukzessiv an demselben. Der Stiel wächst fort, schon lassen sich daran wieder Dornen sehn, die folgenden einzelnen gefärbten Blätter werden kleiner und gehen zuletzt vor unsern Augen in halb rot halb grün gefärbte Stengelblätter über, es bildet sich eine Folge von regelmäßigen, Knoten, aus deren Augen abermals, obgleich unvollkommene, Rosenknöspchen zum Vorschein kommen.

103. Of everything, which we up to now sought to grasp  only with the imagination and reason, the example of a grown rose appears most notedly.  Calyx and corolla are organized and developed around an axis, though instead, now the seed-vessel should be contracted in the center; the male and female procreational parts should be arrayed  at the same and around the same; the stalk issues half red, half green into the elevation; small, crimson, folded-together petals, a few of which mark out the traces of the anthers, develop successively at the same.  The stalk grows away, already thorns can be seen upon it, the successive, individual, colored leaves become smaller and pass into in a final step before our eyes into half red, half green-colored stem-leaves; it forms a succession from normal nodes, out of whose eyes small, though inchoate, rose buds again appear.

(March 9 & May 4 & 5, 2005)

104. Es gibt uns ebendieses Exemplar auch noch einen sichtbaren Beweis des oben ausgeführten. daß nämlich alle Kelche nur in ihrer Peripherie zusammengezogene Folia floralia seien. Denn hier besteht der regelmäßige um die Achse versammelte Kelch aus fünf völlig entwickelten, drei- oder fünffach zusammengesetzten Blättern, dergleichen sonst die Rosenzweige an ihren Knoten hervorbringen.

104.  The aforementioned example gives us yet a visible proof of that expatiated above, namely, that all calyces are only"flower-leaves"* concentrated in their periphery.  Since here the regular calyx gathered around the axis consists of five completely developed three-fold or five-fold composite leaves, such otherwise produce the rose twigs on their nodes.

* See the footnote to paragraph #34 for the derivation of Folia floralia.

(March 9 & May 2 & 3, 2005) 

XVI. Durchgewachsene Nelke

XVI. Grown Carnation

105. Wenn wir diese Erscheinung recht beobachtet haben, so wird uns eine andere, welche sich an einer durchgewachsenen Nelke zeigt, fast noch merkwürdiger werden. Wir sehen eine vollkommene, mit Kelch und überdies mit einer gefüllten Krone versehene, auch in der Mitte mit einer, zwar nicht ganz ausgebildeten, Samenkapsel völlig geendigte Blume. Aus den Seiten der Krone entwickeln sich vier vollkommene neue Blumen, welche durch drei- und mehrknotige Stengel von der Mutterblume entfernt sind; sie haben abermals Kelche, sind wieder gefüllt, und zwar nicht sowohl durch einzelne Blätter als durch Blattkronen, deren Nägel zusammengewachsen sind, meistens aber durch Blumenblätter, welche wie Zweiglein zusammengewachsen und um einen Stiel entwickelt sind. Ohngeachtet dieser ungeheuren Entwicklung sind die Staubfäden und Antheren in einigen gegenwärtig. Die Fruchthüllen mit den Griffeln sind zu sehen und die Rezeptakel der Samen wieder zu Blättern entfaltet, ja in einer dieser Blumen waren die Samendecken zu einem völligen Kelch verbunden, und enthielten die Anlage zu einer vollkommen gefüllten Blume wieder in sich.

105. If we have observed well this appearance, so will one grow for us another virtually still more remarkable, which appears upon a grown carnation.  We see a complete, fully ended flower furnished with calyx, and, moreover, with a filled corolla with one, indeed, not totally formed seed vessel in the middle, as well.  From the sides of the corolla four new, complete flowers develop, which are distant from the mother flower by three and more knotted stipes; once more they have calyces, are again filled, and not in fact by individual leaves as by petals, whose spikes are adnate, however, in the majority of cases through petals which have grown together like sprigs and have developed around a stem.  Notwithstanding this enormous development, the filaments and anthers are present in some.  The fruit vessels* with their styles can be seen and the receptacle of the seeds can unfurl again into leaves; forsooth, in one of these flowers were the seed vessels combined into a complete calyx, and contained the predisposition for a completely filled flower again.  

*N.B.: Ref. American Heritage Dictionary; hull: The enlarged calyx of a fruit, such as a strawberry, that is usually green and easily detached.  Compare the German cognate die Hülle as cover or covering, literally, but taken to mean vessel or capsule in the word die Fruchthüllen.   Fruit as a botanical term means the ripened ovary inclusive of other structures by which it is enclosed.  Remembering that a seed is an ovule contained within an ovary, and which has undergone fertilization to become to become that seed, the concept of calyx, vessel or capsule which Goethe arrays in this paragraph with varying words refers not to the pericarp, nor to the outer cover or coat of the seed, but to the overall vessel within which the seed has been transformed from its state as ovule upon the extension of the pollen tube during the fertilization process.  Thus, die Samendecken might connote seed coats or pericarps to one familiar with German, yet, the meaning of die Decke as blanket or mantle, thus perhaps seed coat, will also misconstrue the concept intended.  

      The fruit vessel here means the ovary, thereby, and is called die Fruchthülle and also die Samendecke (plural form [all cases] is Samendecken).  Earlier in the passage die Samenkapsel is also used to mean ovary.  The word die Kapsel is perhaps the most accurate of all three in describing the ovary for its nature as vessel, since the cognate meaning of die Kapsel as capsule is also modified into crown cap, indeed, it can mean crown cap.  Putting aside the pestle-like shape of the pistil, which is derived from the Latin word pistillum, which means pestle, the top of the ovary can indeed form the cap, or base of the corolla (crown), and in terms of insertion of the ovary, the visible flower parts can indeed be positioned above it.  Thus, Goethe above describes in the second sentence the position of the seed capsule or ovary as, "...auch in der Mitte mit einer, zwar nicht ganz ausgebildeten, Samenkapsel...."  The ovary, die Samenkapsel,  is in between, in the middle of, the corolla and the calyx.

     Incidentally, it is now known that the walls of the ovule give rise to the seed coat.  Ref.: Kimball's Biology Pages:  

http://users.rcn.com/jkimball.ma.ultranet/BiologyPages/A/Angiosperm.html#flower

(March 1 & May 3, 11, 23 & 24,  2005)

106. Haben wir bei der Rose einen gleichsam nur halbdeterminierten Blütenstand, aus dessen Mitte einen abermals hervortreibenden Stengel, und an demselbigen neue Stengelblätter sich entwickeln gesehen, so finden wir an dieser Nelke bei wohlgebildetem Kelche und vollkommener Krone, bei wirklich in der Mitte bestehenden Fruchtgehäusen, aus dem Kreise der Kronenblätter, sich Augen entwickeln, und wirkliche Zweige und Blumen darstellen. Und so zeigen uns denn beide Fälle, daß die Natur gewöhnlich in den Blumen ihren Wachstum schließe und gleichsam eine Summe ziehe, daß sie der Möglichkeit, ins Unendliche mit einzelnen Schritten fortzugehen Einhalt tue, um durch die Ausbildung der Samen schneller zum Ziel zu gelangen.

106.  Now if we have seen on the rose a seeming half-determined inflorescence, from whose center is a stem driving forth again, and at the same new stem-leaves develop; so we find on this carnation with well-cultivated calyx and perfect corolla with existing fruit shells actually in the center, that from the circle of the petals eyes develop, and actual twigs and flowers form.  For both cases appear: that nature usually concludes her growth at the flowers, and at the same time draws a sum, that she would accomplish into the infinity of possibility with discrete measures to absent the arrest, arriving at the goal through the development of the seeds more expeditiously.

(March 15 & April 27, 2005)

XVII. Linnés Theorie von der Antizipation

XVII. Linnaeus's Theory of Anticipation

(March 16, 2005)

107. Wenn ich auf diesem Wege, den einer meiner Vorgänger, welcher ihn noch dazu an der Hand seines großen Lehrers versuchte, so fürchterlich und gefährlich beschreibt (*Färber in Praefatione Dissertationis secundae de Prolepsi Plantarum.), auch hie und da gestrauchelt hätte, wenn ich ihn nicht genugsam geebnet und zum besten meiner Nachfolger von allen Hindernissen gereinigt hätte, so hoffe ich doch diese Bemühung nicht fruchtlos unternommen zu haben.

107. If I in this way would also have taken a false step now and then, which one of my predecessors qualifies so appallingly and precariously (Färber in Praefatione Dissertationis secundae de Prolepsi Plantarum*), he who yet essayed him in addition at the hand of his great preceptor; if I had not leveled him modestly and purged for the benefit of my successors of all obstacles, then I hope still not to have undertaken this endeavor fruitlessly.

*Färber in Preface of the Second Discourse Concerning the Anticipation of Plants

(March 16 & 17, 2005) 

108. Es ist hier Zeit, der Theorie zu gedenken, welche Linné zu Erklärung ebendieser Erscheinungen aufgestellt. Seinem scharfen Blick konnten die Bemerkungen, welche auch gegenwärtigen Vortrag veranlaßt, nicht entgehen. Und wenn wir nunmehr da fortschreiten können wo er stehen blieb, so sind wir es den gemeinschaftlichen Bemühungen so vieler Beobachter und Denker schuldig, welche manches Hindernis aus dem Wege geräumt, manches Vorurteil zerstreut haben. Eine genaue Vergleichung seiner Theorie und des oben Ausgeführten würde uns hier zu lange aufhalten. Kenner werden sie leicht selbst machen, und sie müßte zu umständlich sein, um denen anschaulich zu werden, die über diesen Gegenstand noch nicht gedacht haben. Nur bemerken wir kürzlich, was ihn hinderte weiter fort und bis ans Ziel zu schreiten.

108. There is time here to commemorate the theory which Linnaeus proposed towards explication of the aforementioned phenomena.  The remarks could not escape his keen view which talk at this stage also proposes.  And if we henceforth can progress here where he stood still, we owe it to the collaborative endeavors of so many observers and thinkers which have cleared many a barrier from the way, which have scattered many a preconception.  An exact comparing of his theory and of the one implemented above would detain us here for too long.  Experts themselves will make it easy, and it was obliged to be too intricate to become ostensive to them who have not yet thought over this subject matter.  We observe only recently what barred him from progressing further and as far as the goal.  

(March 18 & April 22 - 24, 200 5)

109. Er machte seine Bemerkung zuerst an Bäumen, diesen zusammengesetzten und lange daurenden Pflanzen. Er beobachtete, daß ein Baum, in einem weitern Gefäße überflüssig genährt, mehrere Jahre hintereinander Zweige aus Zweigen hervorbringe, da derselbe, in ein engeres Gefäß eingeschlossen, schnell Blüten und Früchte trage. Er sah, daß jene sukzessive Entwicklung hier auf einmal zusammengedrängt hervorgebracht werde. Daher nannte er diese Wirkung der Natur Prolepsis, eine Antizipation, weil die Pflanze, durch die sechs Schritte welche wir oben bemerkt haben, sechs Jahre voraus zu nehmen schien. Und so führte er auch seine Theorie bezüglich auf die Knospen der Bäume aus, ohne auf die einjährigen Pflanzen besonders Rücksicht zu nehmen, weil er wohl bemerken konnte, daß seine Theorie nicht so gut auf diese als auf jene passe. Denn nach seiner Lehre müßte man annehmen, daß jede einjährige Pflanze eigentlich von der Natur bestimmt gewesen sei sechs Jahre zu wachsen, und diese längere Frist in dem Blüten- und Fruchtstande auf einmal antizipiere und sodann verwelke.

109. He made his remark foremost on trees, those compound and long-time perennial plants.  He observed that a tree, in a wider vessel nurtured superfluously, produces for several years consecutively branches from branches, since the same, enclosed in a closer vessel,  sustains flowers and fruits expeditiously.   Here he saw that that successive development was produced compressed all at once.   Therefore, he named this agency of nature prolepsis, an anticipation, because the plants, through the six steps  which we noted above, seemed to anticipate six years ahead.  And so he expatiated his theory also as to the nodes of trees without showing special consideration for the annual plants, because he could well observe that his theory would suit this not so well as that; for one would have to hypothesize as according to his teachings, that each annual plant of nature actually would have been disposed to grow six years, and would anticipate all at once this longer period of time in the florescence and syconium, and thereafter would wither.

(March 19 & May 2, 4 & 6, 2005)

110. Wir sind dagegen zuerst dein Wachstum der einjährigen Pflanze gefolgt; nun läßt sich die Anwendung auf die daurenden Gewächse leicht machen, da eine aufbrechende Knospe des ältesten Baumes als eine einjährige Pflanze anzusehen ist, ob sie sich gleich aus einem schon lange bestehenden Stamme entwickelt und selbst eine längere Dauer haben kann.

110. We followed in contrast first your growth of annual plants; now the task on the perennial plants can be easily accomplished, since a bud breaking out of the oldest tree can be considered an annual plant if it develops in a short while from one already long-existing stem and can itself have a longer duration.

(March 25, 2005)

111. Die zweite Ursache, welche Linnéen verhinderte, weiter vorwärts zu gehen, war, daß er die verschiedenen ineinander geschlossenen Kreise des Pflanzenkörpers, die äußere Rinde, die innere, das Holz, das Mark, zu sehr als gleichwirkende, in gleichem Grad lebendige und notwendige Teile ansah und den Ursprung der Blumen und Fruchtteile diesen verschiedenen Kreisen des Stammes zuschrieb, weil jene, ebenso wie diese, voneinander umschlossen und sich auseinander zu entwickeln scheinen. Es war dieses aber nur eine oberflächliche Bemerkung, welche näher betrachtet sich nirgend bestätigt. So ist die äußere Rinde zu weiterer Hervorbringung ungeschickt, und bei daurenden Bäumen eine nach außen zu verhärtete und abgesonderte Masse, wie das Holz nach innen zu verhärtet wird. Sie fällt bei vielen Bäumen ab, andern Bäumen kann sie, ohne den geringsten Schaden derselben, genommen werden; sie wird also weder einen Kelch, noch irgendeinen lebendigen Pflanzenteil hervorbringen. Die zweite Rinde ist es, welche alle Kraft des Lebens und Wachstums enthält. In dem Grad, in welchem sie verletzt wird, wird auch das Wachstum gestört, sie ist es, welche bei genauer Betrachtung alle äußeren Pflanzenteile nach und nach im Stengel, oder auf einmal in Blüte und Frucht hervorbringt. Ihr wurde von Linné nur das subordinierte Geschäft, die Blumenblätter hervorzubringen, zugeschrieben. Dem Holze ward dagegen die wichtige Hervorbringung der männlichen Staubwerkzeuge zuteil; anstatt daß man gar wohl bemerken kann, es sei dasselbe ein durch Solideszenz zur Ruhe gebrachter, wenn gleich daurender, doch der Lebenswirkung abgestorbener Teil. Das Mark sollte endlich die wichtigste Funktion verrichten, die weiblichen Geschlechtsteile und eine zahlreiche Nachkommenschaft hervorbringen. Die Zweifel, welche man gegen diese große Würde des Markes erregt, die Gründe, die man dagegen angeführt hat, sind auch mir wichtig und entscheidend. Es war nur scheinbar, als wenn sich Griffel und Frucht aus dem Mark entwickelten, weil diese Gestalten, wenn wir sie zum erstenmal erblicken, in einem weichen, unbestimmten, markähnlichen, parenchymatosen Zustande sich befinden, und eben in der Mitte des Stengels, wo wir uns nur Mark zu sehen gewöhnt haben, zusammengedrängt sind.

111. The second cause, which Linnaeus prevented from going further forward, was that he regarded the different circles of plant matter locked into one another, in equal degree living and necessary parts: the external bark, the inner ones, the wood, the pith, too much as singly effective; and he accredited the source of the flowers and fruit parts to these different circles of the trunk, because those, just as these, surround each other and seem to develop apart.  It was this, however, only one superficial observation, which more closely contemplated was itself nowhere confirmed.  Thus the outer bark is inapt towards further production; and substance on perennial trees towards the external is one too hardenend and segregated, as the wood is too hardened inwardly.  It falls off on many trees, it can be taken from other trees without the slightest disadvantage of the same; thus will it produce neither a calyx nor some living plant part.  It is the second bark which holds all power of the life and growth.  In the degree to which it is lacerated the growth is also disturbed; that* is it, which with exact inspection produces all external plant parts bit by bit in the stalk, or all at once in the flowers and fruit.  Only the subordinated transaction was ascribed by Linnaeus to her* to produce the petals.  The important production of the male stamens was bestowed upon the wood; apart from the fact that it can be well observed, it is one and the same more brought through solid-essence to the quiescence, it is the life force still as dead component, whether perennial forthwith.  Finally, the pith should perform the most important function, to produce the feminine sexual organs and a numerous progeny.  The doubt, which is actuated against this great portliness of the pith, the reasons which have been adduced against it, are also to me important and decisive.  It was only ostensible, as though the styles and progeny developed from the pith, because these conformations are compact, if we behold them for the first time, located in a soft, indeterminate, parenchymatous state similar to pith, and now in the center of the stalk, where we have been accustomed to see only the pith.     

*die Kraft, the power 

(March 18, 25, 29-31; April 8 & 11 -12, 2005)

XVIII. Wiederholung

XVIII. Recapitulation

112. Ich wünsche, daß gegenwärtiger Versuch, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären, zu Auflösung dieser Zweifel einiges beitragen und zu weiteren Bemerkungen und Schlüssen Gelegenheit geben möge. Die Beobachtungen, worauf er sich gründet, sind schon einzeln gemacht, auch gesammelt und gereiht worden (* Batsch, Anleitung zur Kenntnis und Geschichte der Pflanzen. 1.Teil, 19. Kapitel); und es wird sich bald entscheiden, ob der Schritt, den wir gegenwärtig getan, sich der Wahrheit nähere. So kurz als möglich fassen wir die Hauptresultate des bisherigen Vortrags zusammen.

112. I would require the present experiment to explain the metamorposis of the plants, to contribute somewhat to the resolution of these doubts, and would like to give opportunity for further remarks and conclusions.  The observations, whereupon he himself predicates, are yet made separately, have been also collected and ranked (* Batsch, Instructions to the Knowledge and History of the Plants, First Part, Nineteenth Chapter); and it will itself soon determine, whether the step, which we presently have taken, would approach the truth.  As compendiously as possible we recapitulate the chief results of the existing dissertation.  

(March 26 & April 12, 2005)

113. Betrachten wir eine Pflanze insofern sie ihre Lebenskraft äußert, so sehen wir dieses auf eine doppelte Art geschehen, zuerst durch das Wachstum, indem sie Stengel und Blätter hervorbringt und sodann durch die Fortpflanzung, welche in dem Blüten- und Fruchtbau vollendet wird. Beschauen wir das Wachstum näher, so sehen wir, daß, indem die Pflanze sich von Knoten zu Knoten, von Blatt zu Blatt fortsetzt, indem sie sproßt, gleichfalls eine Fortpflanzung geschehe, die sich von der Fortpflanzung durch Blüte und Frucht, welche auf einmal geschieht, darin unterscheidet, daß sie sukzessiv ist, daß sie sich in einer Folge einzelner Entwicklungen zeigt. Diese sprossende, nach und nach sich äußernde Kraft ist mit jener, welche auf einmal eine große Fortpflanzung entwickelt, auf das genauste verwandt. Man kann unter verschiedenen Umständen eine Pflanze nötigen, daß sie immerfort sprosse, man kann dagegen den Blütenstand beschleunigen. jenes geschieht, wenn rohere Säfte der Pflanze in einem größeren Maße zudringen; dieses, wenn die geistigeren Kräfte in derselben überwiegen.

113. If we observe a plant in that she expresses her vitality, then we see this happens in a double way, at first through the growth while she produces the stems and leaves, and then through the propagation, which is completed on the conformation of the flowers and fruit.  If we examine the growth more closely, we see that while the plant perpetuates itself from node to node, from leaf to leaf, while she tillers a propagation likewise takes place; it differs from the propagation through flower and fruit, which happens all at once, insomuch as it is successive, as it arises in a series of discrete developments.  This tillering, little by little self-manifesting power is metamorphosed with that, which all at once produces a great propagation, at the most precise one.  One can compel a plant in varying conditions so that it shoots evermore; one can in contrast expedite the inflorescence.  That one happens when more crude saps of the plant in a greater measure press forth, this one when the more vital forces outweigh in the same.

(March 27, April 17 & 18, 2005)

114. Schon dadurch daß wir das Sprossen eine sukzessive, den Blüten- und Fruchtstand aber eine simultane Fortpflanzung genannt haben, ist auch die Art wie sich beide äußern, bezeichnet worden. Eine Pflanze welche sproßt, dehnt sich mehr oder weniger aus, sie entwickelt einen Stiel oder Stengel, die Zwischenräume von Knoten zu Knoten sind meist bemerkbar, und ihre Blätter breiten sich von dem Stengel nach allen Seiten zu aus. Eine Pflanze dagegen welche blüht, hat sich in allen ihren Teilen zusammengezogen, Länge und Breite sind gleichsam aufgehoben, und alle ihre Organe sind in einem höchst konzentrierten Zustande zunächst aneinander entwickelt.

114. We have thus already called the sprout a successive one, the inflorescence and syconium, however, a simultaneous propagation; both, too, can like manifest the kind.  A plant which sprouts, expands more or less,  develops a stem or a stipe, the spaces from node to node are most noticeable, and its leaves spread from the stalk closely on all sides.  A plant, in contrast, which blossoms, has contracted at all its parts, length and breadth have merged in, as it were, and all its organs have developed in a most concentrated state next to one another.  

(March 27, April 19, 25 &27, 2005)

115. Es mag nun die Pflanze sprossen, blühen oder Früchte bringen, so sind es doch nur immer dieselbigen Organe welche, in vielfältigen Bestimmungen und unter oft veränderten Gestalten, die Vorschrift der Natur erfüllen. Dasselbe Organ, welches am Stengel als Blatt sich ausgedehnt und eine höchst mannigfaltige Gestalt angenommen hat, zieht sich nun im Kelche zusammen, dehnt sich im Bluinenblatte wieder aus, zieht sich in den Geschlechtswerkzeugen zusammen, um sich als Frucht zum letztenmal auszudehnen.

115. Now the plant may sprout, blossom or bring fruit*; thusly, it is only the same organs, which in multivariate provisions and often under changed shapes, ever yet fulfill the regulation of nature.  The same organ, which expanded on the stalk as leaf, and has adopted a greatly variate shape, contracts now in the calyx, expands again in the petal, contracts in the sexual organs, in order to expand as fruit for the last time.

*die Frucht can mean either fruit or progeny

(March 28 & April 26, 2005)

116. Diese Wirkung der Natur ist zugleich mit einer andern verbunden, mit der Versammlung verschiedener Organe um ein Zentrum nach gewissen Zahlen und Maßen, welche jedoch bei manchen Blumen oft unter gewissen Umständen weit überschritten und vielfach verändert werden.

116. This effect of nature is joined together with another, with the assemblage of different organs around a center according to certain numbers and masses, which yet are often widely overrun with many flowers under certain circumstances, and in many cases are mutated.

(March 27, 2005)

117. Auf gleiche Weise wirkt bei der Bildung der Blüten und Früchte eine Anastomose mit, wodurch die nahe aneinander gedrängten, höchstfeinenteile derfruktifikation, entweder auf die Zeit ihrer ganzen Dauer, oder auch nur auf einen Teil derselben innigst verbunden werden.

117. In the same way, an anastomosis is instrumental in the generation of the flowers and fruits, whereby the most subtle parts of the compact fructification contiguous to one another are joined, either at the time of their entire continuance, or only at an innermost part of the same.

(March 29 & April 28, 2005) 

118. Doch sind diese Erscheinungen der Annäherung, Zentralstellung und Anastomose nicht allein dem Blüten- und Fruchtstande eigen; wir können vielmehr etwas Ähnliches bei den Kotyledonen wahrnehmen, und andere Pflanzenteile werden uns in der Folge reichen Stoff zu ähnlichen Betrachtungen geben.

118. However, these appearances of convergence, central position and anastomosis are not exclusive to the inflorescence and syconium; we can observe something in fact of similarity at the cotyledons, and other plant parts will give us substance in succession rich towards similar observations.

(March 28, 2005)

119. So wie wir nun die verschieden scheinenden Organe der sprossenden und blühenden Pflanze alle aus einem einzigen, nämlich dem Blatte, welches sich gewöhnlich an jedem Knoten entwickelt, zu erklären gesucht haben: so haben wir auch diejenigen Früchte, welche ihre Samen fest in sich zu verschließen pflegen, aus der Blattgestalt herzuleiten gewagt.

119. As thus we now have sought to explain the different looking organs of the sprouting and blossoming plant all from one alone, namely from the leaf, which develops usually at each node: so have we as well ventured to deduce those progeny, which cultivate their seeds firmly shut up within themselves, from the leaf-form.

(March 28, 2005)

120. Es versteht sich hier von selbst, daß wir ein allgemeines Wort haben müßten, wodurch wir dieses in so verschiedene Gestalten metamorphosierte Organ bezeichnen, und alle Erscheinungen seiner Gestalt damit vergleichen könnten: gegenwärtig müssen wir uns damit begnügen, daß wir uns gewöhnen die Erscheinungen vorwärts und rückwärts gegeneinander zu halten. Denn wir können ebensogut sagen: ein Staubwerkzeug sei ein zusammengezogenes Blumenblatt, als wir von dem Blumenblatte sagen können: es sei ein Staubgefäß im Zustande der Ausdehnung; ein Kelchblatt sei ein zusammengezogenes, einem gewissen Grad der Verfeinerung sich näherndes Stengelblatt, als wir von einem Stengelblatt sagen können: es sei ein, durch Zudringen roherer Säfte, ausgedehntes Kelchblatt.

120. It goes without saying here, that we had to have a universal word, whereby we would name this metamorphosed organ in such varied conformations, and therewith could we liken all appearances of its shape; presently we must content ourselves therewith, that we customize the appearances to argue back and forth against each another.  Since we can just as well say: a stamen is a contracted petal, as we can say of the petal: it is a stamen in the state of expansion; a sepal would be a concentrated, converging stem-leaf in a certain grade of refinement,  as we of a stem-leaf can say: it would be one sepal expanded through pushing of more crude saps.

(April 13 & 15, 2005) 

121. Ebenso läßt sich von dem Stengel sagen: er sei ein ausgedehnter Blüten- und Fruchtstand, wie wir von diesem prädiziert haben: er sei ein zusammengezogener Stengel.

121. Similarly, it can be said of the stalk: it is an expanded inflorescence and syconium, as we have predicted from this: it* is a contracted stalk.

*referring to the inflorescence or to the syconium

(April 15, 2005)

122. Außerdem habe ich am Schlusse des Vortrags noch die Entwicklung der Augen in Betrachtung gezogen und dadurch die zusammengesetzten Blumen, wie auch die unbedeckten Fruchtstände zu erklären gesucht.

122. Moreover, I have considered yet at the conclusion of the dissertation the development of the eyes and thereby the compound flowers, as also have I sought to explain the uncovered syconia.

(April 15, 2005)

123. Und auf diese Weise habe ich mich bemüht, eine Meinung, welche viel Überzeugendes für mich hat, so klar und vollständig als es mir möglich sein wollte, darzulegen. Wenn solche dem ohngeachtet noch nicht völlig zur Evidenz gebracht ist; wenn sie noch manchen Widersprüchen ausgesetzt sein, und die vorgetragne Erklärungsart nicht überall anwendbar scheinen möchte, so wird es mir desto mehr Pflicht werden, auf alle Erinnerungen zu merken, und diese Materie in der Folge genauer und umständlicher abzuhandeln, um diese Vorstellungsart anschaulicher zu machen, und ihr einen allgemeinem Beifall zu erwerben, als sie vielleicht gegenwärtig nicht erwarten kann.

123.  And in this way have I endeavored  to set forth an idea, which has for me plentiful persuasion, so clear and complete as it would want to be possible to me.  If such in spite of that has been brought to the evidence not yet completely; if it still would like to be abandoned to many objections, and the kind of explanation recited would not like to seem everywhere applicable: thus will it become for me so much more a duty to notice upon all memories, and to treat this matter in the progression more exactly and more in detail, in order to make more ostensive this kind of idea, and to secure to it an approval for the universal one, as it perhaps presently cannot visualize.

(April 24, 25 & 27, 2005)

Index of Pictures and Drawings

To link of separate page of Pictures and Illustrations

 Pictures and Drawings on this page in order of appearance:

Vicia faba........................§ 15 

Seedlings.........................§ 18

Cotyledons.......................§ 1

Diagram of seed..............§ 18             

Ranunculus aquaticus..§ 25

Parnassia.........................§ 54 (Drawing)

Vallisneria.......................§ 54 (Drawing)

Pentapetes........................§ 54 (On Pictures and Illustrations page)

Narcissus..........................§ 55 (Drawing)

Aqualegia.........................§ 56

Aconitum..........................§ 57

Nigella...............................§ 57

Schizanthus.......................§ 58 (Drawing)

(Also known as Butterfly flower)

Melianthus........................§ 58

Polygala.............................§ 58 (Drawing)

Sarracenia..........................§ 71

Zannichellia.......................§ 71

Acer pensylvanicum..........§ 83

Gemma of Lunularia,,,,,,,,..§ 92

Gemmae................................§ 92

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This translation is under the copyright of Marilynn Stark: © 2004-2005  All Rights Reserved.

Please visit www.starkscience.org/goethe.htm for an ongoing translation of the essay by Goethe entitled, Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt.  This page was opened on January 23, 2005 and is also being translated in a serial fashion alongside the botanical essay contained above.

METAMORPHOSE DER PFLANZEN - ZWEITER VERSUCH

Von Goethe

THE METAMORPHOSIS OF PLANTS - SECOND EXPERIMENT

By Goethe

Being translated serially by Marilynn Stark     First entry: September 2, 2004  All Rights Reserved

Einleitung

Introduction

So entfernt die Gestalt der organisierten Geschöpfe voneinander ist, so finden wir doch, daß sie gewisse Eigenschaften miteinander gemein haben, gewisse Teile miteinander verglichen werden können.

As vague the likeness of each other among the creatures with their innate order, so we find, however, that they have certain characteristics in common with each other, certain components will be able to be compared with each other.

2. Da alle Geschöpfe, welche wir lebendig nennen, darin übereinkommen, daß sie die Kraft haben, ihresgleichen hervorzubringen, so suchen wir mit Recht die Organe der Zeugung, wie durch alle Geschlechter der Tiere, so auch im Pflanzenteich auf; wir finden sie auch bis fast auf der untersten Stufe dieses letzten Reiches, wo sie noch immer die Aufmerksamkeit der Beobachter beschäftigen.

2. Yet all creatures, which we call vital, do therein accord that they have the potency to produce their own peers; as we search rightly for the organs of procreation, we search through all genera of animals, so also we frequent the plant pool; we find them as well up to almost the bottom of the echelon of this last realm,  where they still  engage the mindfulness of the observer.

 

Goethe, Johann Wolfgang von (1749-1832)

Metamorphose der Pflanzen

Dich verwirret, Geliebte, die tausendfältige Mischung
Dieses Blumengewühls ueber dem Garten umher;
Viele Namen hörest du an, und immer verdränget
Mit barbarischem Klang einer den andern im Ohr.
Alle Gestalten sind ähnlich, und keine gleichet der andern;
Und so deutet das Chor auf ein geheimes Gesetz,
Auf ein heiliges Rätsel. O könnt' ich dir, liebliche Freundin,
Überliefern sogleich glücklich das lösende Wort!
Werdend betrachte sie nun, wie nach und nach sich die Pflanze,
Stufenweise geführt, bildet zu Blüten und Frucht.
Aus dem Samen entwickelt sie sich, sobald ihn der Erde
Stille befruchtender Schoss hold in das Leben entlässt,
Und dem Reize des Lichts, des heiligen, ewig bewegten,
Gleich den zärtesten Bau keimender Blätter empfiehlt.
Einfach schlief in dem Samen die Kraft; ein beginnendes Vorbild
Lag, verschlossen in sich, unter die Hülle gebeugt,
Blatt und Wurzel und Keim, nur halb geformet und farblos;
Trocken erhält so der Kern ruhiges Leben bewahrt,
Quillet strebend empor, sich milder Feuchte vertrauend,
Und erhebt sich sogleich aus der umgebenden Nacht.
Aber einfach bleibt die Gestalt der ersten Erscheinung;
Und so bezeichnet sich auch unter den Pflanzen das Kind.
Gleich darauf ein folgender Trieb, sich erhebend, erneuet,
Knoten auf Knoten getürmt, immer das erste Gebild.
Zwar nicht immer das gleiche; denn mannigfaltig erzeugt sich,
Ausgebildet, du siehst's, immer das folgende Blatt,
Ausgedehnter, gekerbter, getrennter in Spitzen und Teile,
Die verwachsen vorher ruhten im untern Organ.
Und so erreicht es zuerst die höchst bestimmte Vollendung,
Die bei manchem Geschlecht dich zum Erstaunen bewegt.
Viel gerippt und gezackt, auf mastig strotzender Fläche,
Scheinet die Fülle des Triebs frei und unendlich zu sein.
Doch hier hält die Natur, mit mächtigen Händen, die Bildung
An und lenket sie sanft in das Vollkommnere hin.
Mässiger leitet sie nun den Saft, verengt die Gefässe,
Und gleich zeigt die Gestalt zärtere Wirkungen an.
Stille zieht sich der Trieb der strebenden Ränder zurücke,
Und die Rippe des Stiels bildet sich völliger aus.
Blattlos aber und schnell erhebt sich der zärtere Stengel,
Und ein Wundergebild zieht den Betrachtenden an.
Rings im Kreise stellet sich nun, gezählet und ohne
Zahl, das kleinere Blatt neben dem ähnlichen hin.
Um die Achse gedrängt, entscheidet der bergende Kelch sich,
Der zur höchsten Gestalt farbige Kronen entlässt.
Also prangt die Natur in hoher, voller Erscheinung,
Und sie zeiget, gereiht, Glieder an Glieder gestuft.
Immer staunst du aufs neue, sobald sich am Stengel die Blume
Ueber dem schlanken Geruest wechselnder Blätter bewegt.
Aber die Herrlichkeit wird des neuen Schaffens Verkündung;
Ja, das farbige Blatt fühlet die göttliche Hand,
Und zusammen zieht es sich schnell; die zaertesten Formen,
Zwiefach streben sie vor, sich zu vereinen bestimmt.
Traulich stehen sie nun, die holden Paare, beisammen,
Zahlreich ordnen sie sich um den geweihten Altar.
Hymen schwebet herbei, und herrliche Düfte, gewaltig,
Strömen süssen Geruch, alles belebend, umher.
Nun vereinzelt schwellen sogleich unzählige Keime,
Hold in den Mutterschoss schwellender Früchte gehüllt.
Und hier schliesst die Natur den Ring der ewigen Kräfte;
Doch ein neuer sogleich fasset den vorigen an,
Dass die Kette sich fort durch alle Zeiten verlänge
Und das Ganze belebt, so wie das Einzelne, sei.
Wende nun, o Geliebte, den Blick zum bunten Gewimmel,
Das verwirrend nicht mehr sich vor dem Geiste bewegt.
Jede Pflanze verküendet dir nun die ew'gen Gesetze,
Jede Blume, sie spricht lauter und lauter mit dir.
Aber entzifferst du hier der Göttin heilige Lettern,
Überall siehst du sie dann, auch in verändertem Zug.
Kriechend zaudre die Raupe, der Schmetterling eile geschäftig,
Bildsam aendre der Mensch selbst die bestimmte Gestalt.
O, gedenke denn auch, wie aus dem Keim der Bekanntschaft
Nach und nach in uns holde Gewohnheit entspross,
Freundschaft sich mit Macht aus unserm Innern enthüllte,
Und wie Amor zuletzt Blüten und Früchte gezeugt.
Denke, wie mannigfach bald die, bald jene Gestalten,
Still entfaltend, Natur unsern Gefühlen geliehn!
Freue dich auch des heutigen Tags! Die heilige Liebe
Strebt zu der höchsten Frucht gleicher Gesinnungen auf,
Gleicher Ansicht der Dinge, damit in harmonischem Anschaun
Sich verbinde das Paar, finde die höhere Welt.

 

 

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 Marilynn Stark

July 25, 2005

 

 
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